Spielplan

Homo faber

Sa
06.
Oktober
Schauspiel

Homo faber

Ein Bericht von Max Frisch

 
 

Ein Mann legt Zeugnis ab: Walter Faber, Ingenieur aus der Schweiz, trifft auf einem Flug nach Mexico City zufällig den Bruder seines früheren Freundes Joachim. Kurz entschlossen begleitet er ihn durch den wuchernden Dschungel Guatemalas zu Joachims Farm, wo sie den Freund nur noch tot auffinden. Die Zufälle mehren sich. Walter trennt sich von der Geliebten, lernt unerkannt seine Tochter kennen, liebt sie zögerlich und macht sich unschuldig schuldig. Beide reisen gemeinsam nach Athen, wo sie ihre Mutter besuchen will und Walther inmitten einer Katastrophe der Frau seines Lebens wiederbegegnet. Die Spuren der Halbjüdin hatten sich vor dem 2. Weltkrieg verloren.

Max Frischs Bericht, 1957 erschienen, ist einer der großen Würfe der Literatur des 20. Jahrhunderts. Mit sinnlicher wie präziser Sprache thematisiert Frisch (1911-1991) die zentrale Frage nach der Stellung des Menschen zwischen Chaos und Struktur, zwischen Natur und Zivilisation, zwischen Erlebnis und dem Versuch, das Erlebte mittels Sprache zu fassen. Sein Held Walter Faber ist mehr als gefährdet, sich einseitig einem Pol zuzuwenden. Als Techniker durch und durch hält er sich das unstrukturierte Leben vom Leib. Drei unterschiedliche Frauen sind es schließlich, die Begegnung mit einer jungen, neugierigen Generation, die Konfrontation mit der Vergangenheit und eine vergleichsweise zufällige Tragödie, die seine Weltsicht erschüttern. Am Ende möchte er, so wie einst Ödipus, ohne Augen das Richtige erkennen. Gierig greift er nach seinem einzigen Leben und schwelgt darin mit der Atemlosigkeit des schwer Erkrankten. 

Spielort:Schauspielhaus - Große Bühne
Dauer:1 h 40 min / keine Pause
Altersempfehlung:ab 16 Jahren
Premiere:14.10.2017
Sa, 06. Oktober | 19:30 Uhr
Preis: 12,00 bis 22,00 €
 

Weitere Termine

21.10.2018 Sonntag 15:00 Uhr    
Schauspielhaus - Große Bühne
17.02.2019 Sonntag 15:00 Uhr    
Schauspielhaus - Große Bühne

Videomedien zum Stück

Video

Inszenierungsteam des Stückes

Inszenierungsteam
Regie Hasko Weber

Bühne und Kostüme Sarah Antonia Rung

Dramaturgie René Schmidt

Besetzung des Stückes

Besetzung

Pressestimmen zum Stück

Pressestimmen

„Theater der Zeit“ schreibt in der Ausgabe Dezember 2017

Vor und nach der Premiere unterhielten sich manche im Publikum über Hasko Webers früheres Schaffen am Chemnitzer Theater, denn weber ist hier fast eine Legende aus Vorwende- und Wendezeiten. (…) Eine Hand in der Hosentasche seines Anzugs, so lehnt Walter Faber am genieteten Plattenstahl der Rückwand (da ist jemand vernagelt und borniert) auf leerer Bühne. Er sagt – nichts. Wenn dann der von Vernunft bestimmte Faber über wahrscheinliche und unwahrscheinliche Ergebnisse beim Würfelspiel nachdenkt, gibt sein Darsteller Philipp Otto dem noch immer Nicht-Geschehen ohne jedes gestisch-mimische Auftrumpfen eine spannungsvolle Konzentration. Ganz bewusst überführt Weber Frischs didaktisch behäbigen Text nicht in viele szenische Aktivitäten, sondern verdichtet die von Faber im Monolog erzählte Geschichte. Auch die Dialoge mit den Menschen, die ihm auf seinen Flügen für die UNESCO durch Südamerika begegnen, sind zwischen Reflexion und Bericht angelegt.
So entsteht eine Inszenierung, die sich äußere Spielhektik versagt, aber von den Darstellern mit innerer Spannung aufgeladen wird. Auch besitzt Weber mit Philipp Otto einen Hauptdarsteller, der die Sätze des Autors mit Intensität und Kraft auflädt. (…)
Bühnenbildnerin Sarah Antonia Rung hat schöne und funktionale, fast leere Räume gebaut: Eine offene Gangway dreht sich im leeren Raum, und für eine Flugreise braucht es nicht mehr als eine Stewardess zwischen zwei Männern auf Metallhockern. Die zwischen Spiel und Erzählung geschickt wechselnden Szenen entwickeln sinnliche Kraft, und die etwas klischeehafte Szene, in der sich Faber in New York von seiner verheirateten Freundin Ivy (Magda Decker) trennt, besitzt Witz. (…) Seraina Leuenberger gibt der Inszenierung Kraft und Lebendigkeit. Ihre Elisabeth ist eine zugleich poetische wie selbstbewusst sinnliche junge Frau. Dass sie sich in den älteren Mann verliebt und mit ihm ins Bett geht, überlebt sie aber nicht. (…)
So endet die Inszenierung wie eine griechische Tragödie. Faber, der seine Welt als erklärbar und beherrschbar ansah, hat eine Serie von Katastrophen erlebt und liegt am Ende niedergestreckt auf dem Boden. (…) Das Publikum jubelte und wollte in verständlicher Begeisterung über diese schnörkellos konzentrierte Inszenierung nicht aufhören zu applaudieren. Weber ist nach Chemnitz zurückgekommen, mit einer inszenatorisch und dramaturgisch überzeugenden Arbeit. Da konnte man begeistert sein.

Hartmut Krug

„Theater heute“ schreibt in Ausgabe 01/2018

Gibt es solche Männer wie Walter Faber eigentlich noch? Typen, die ihren Ingenieursberuf nicht nur deshalb so schätzen, weil er strikt auf Logik basiert, sondern auch, weil er ihnen Anlass gibt, sich vor den angeblich irrationalen Wünschen und Forderungen ihrer Geliebten und Lebensgefährtinnen zu verdrücken? (…) Die sich an Technik klammern in der Hoffnung, sie möge ihnen das Unglück vom Leib halten, in die das Leben noch den Vernünftigsten stürzt?
Am Schauspiel Chemnitz ist Walter Faber sicherheitshalber eine historische Figur. Max Frischs Roman ‚Homo faber‘ spielt in den fünfziger Jahren in New York, Guatemala, auf dem Atlantik, in Frankreich, Italien und Athen (…). Flugzeuge, Kreuzfahrtschiffe, Autos bewegen die Protagonisten dieses in jeder Hinsicht modernen Romans auf die Katastrophe zu, auch wenn der Flugzeugabsturz glimpflich abläuft, der tödliche Sturz zu Fuß erfolgt und die wahre Tragödie am Ende so alt ist wie die Ruinen auf der Peloponnes, für die sich Hanna, die Mutter von Fabers Tochter, so interessiert.
Sarah Antonia Rungs schlichte Vorhangkonstruktion aus vernieteten Metallplatten erinnert an die Außenhaut der abgestürzten Super Constellation, davor ist New York mit der modischen Ivy (Magda Decker), dahinter Guatemala (…). Obwohl Regisseur Hasko Weber und sein Team den Roman gut gekürzt und geschickt auf fünf Mitspieler*innen verteilt haben, ruht die Textlast eindeutig auf Philipp Ottos sonorer Stimme, die selbst gedämpft noch mühelos Schläfer in der letzten Theaterreihe aufwecken kann. In Webers Inszenierung, deren zurückhaltende Schlichtheit zwischen elegant und ein bisschen fade angesiedelt ist, bleibt er das unangefochtene (…) Zentrum.
Otto zeigt Faber als Gepanzerten, der sich vor seinen Gefühlen in Sicherheit bringen und deshalb cooler und lakonischer rüberkommen muss, als er ist: Generation Flakhelfer eben. Die Fassade bröckelt leicht, als er auf panischer Flucht vor Ivys Heiratswünschen ein Schiff nach Europa besteigt und darauf Sabeth begegnet. Auf einem angeschrägten Stück Reling schließen die beiden Bekanntschaft, fühlen sich angezogen (…). Seraina Leuenberger beeindruckt mit einer feinen Natürlichkeit (…).
Dass Faber in ein waschechtes Inzestdrama geschlittert ist, kapiert er erst, als Sabeth im Krankenhaus an einer Gehirnblutung stirbt und er sich vor einem riesigen, übermannshohen Erinnyenkopf mit seiner Ex-Freundin Hanna (Susanne Stein) austauscht. Das Kind, von dem er vor über 20 Jahren nichts wissen wollte, hat sie dann doch bekommen (…). Mehr noch als die mehrfache Katastrope – Frau im Stich gelassen, Inzesttabu gebrochen, Tochter tot – beuteln ihn die eigenen Logikfehler und Versäumnisse. (…)

Eva Behrendt

„nachtkritik.de“ schreibt am 14.10.2017

In Chemnitz erzählt Hasko Weber schnörkellos vom fehlbaren Menschsein 
(…) Hasko Weber hat Fabers ‚Bericht‘ mit Präzision und leiser Wucht in Chemnitz inszeniert.
Kluges Stationendrama
(…) Max Frischs Roman stach 1957 mitten hinein in die tobende Debatte ums Verhältnis von Technik und Kultur, von Natur- und Geisteswissenschaften. Hasko Webers klug zum Stationendrama zusammengestrichener Textversion gelingt es, dessen philosophische Tiefe zu erhalten. Er reduziert den Stoff nicht allein auf die im Kern steckende Tragödienkonstellation, sondern lässt wohldosierte Reflexionen über Schicksal und Kausalität, Werkzeug- und Kulturmensch zu.
(...) 
Das gelingt Weber in der Umsetzung als hoch pointiertes Sprechtheater, in dem alle Darsteller dem brillant mehrbödigen Text zum Bühnenglänzen verhelfen. Insbesondere Philipp Otto kann seinen Walter Faber nuancenreich vom kühl kalkulierenden über den schwelgerisch verliebten bis zum am Schicksal verzweifelnden Charakter geben. Der will doch nur lieben und das als plötzlich unberechenbar gewordene Leben wieder begreifen, steuerbar machen. Als jugendlich-altkluge und leidenschaftlich-unbedarfte Elisabeth lässt Seraina Leuenberger dessen Herz höher schlagen – kein Wunder bei dem lebenslustig federnden Wesen.
Dramaturgisch geschickt wechseln sich Spiel- und Erzählmomente ab und schieben sich ineinander, gehen die Episodenszenen bruchlos in einander über wie ein Medley. Das Überblenden von Dialogen und inneren Monologen Walters, dass also ein Gespräch mitten im Austausch einfriert und Faber zu sich selbst spricht, schafft Verdichtung. Dezente Regieideen wie eine grotesk gestikulierende Stewardess beim Absturzkollaps unterfüttern den Text theatral. Das reduzierte, flexible Bühnenbild ermöglicht das zügige, nie hastende Inszenierungstempo: Zusammengenietet aus glänzendem Stahl ist das Gehäuse, die Rückwand lässt hin und wieder den Blick auf die Hinterbühne als Spielfläche frei. Erst ist dieser Raum Flugzeug, den ein paar Pinselstriche auf die Hülle zum Dschungel machen und später ein roter Vorhang zum Opernhaus. Staffage nirgends, Requisiten braucht es fast keine.
Nur zum Schluss hin schmückt ein imponierendes Bild die Szenerie aus. Übergroß liegt der Kopf einer schlafenden Erinnye auf der Drehbühne. Zuerst kreiselt das Haupt der Rachegöttin mit einer lässig darauf sitzenden Elisabeth, die die Aussicht zu genießen scheint. Dann befindet sie sich verrenkt daneben auf der Erde. Walter Faber ist jegliche Kontrolle entglitten, auch die tour de force durch die Kulturschichten konnte das Schicksal nicht abwenden. Technik und Mythos, Vernunft und Gefühl schienen einen Moment in der Kunst versöhnt. Dann platzt der schöne Traum, der ebenso als Rettungsanker des Menschseins notwendig, aber auch hohl bleibt. Leer wie der Erinnyenschädel, in den man im finalen Bild von hinten hineinglotzt. Homo Faber, das schaffende Geschöpf, bettet erschöpft sein Haupt zu Boden. Das Licht erlischt.

Tobias Prüwer

„Dresdner Neueste Nachrichten“ schreiben am 21.10.2017

(…) die Geschichte einer Spontanliebe zwischen schlauer Zwanzigjähriger und einem 50-jährigen Weltingenieur mit Erklärung für alles und jeden sowie Automobil und Spontanfreizeit für Südeuropatour (…). In Griechenland warten nicht nur herrliche Statuen mit riesigen Göttinnenköpfen (Ausstattung: sarah Antonia Rung), sondern auch Schlangen und andere Überraschungen… Ausgestattet mit diesem gediegenen Textfutter bietet Hasko Weber (…) neben der dramatischen Story en passant noch einen köstlichen Pudels Kern für Kenner.
Denn er hat das Vorspiel auf dem Theater, also des Chemnitzer Theaterdirektors mit Titel ‚Faust I‘ im Mai, genau beobachtet. So wirken die jetzigen Besetzungsparallelen so geistig durchdrungen wie eine eigene Geschichte: Philipp Otto, damals Faust, nun Walter, liebt Seraina Leuenberger alias Gretchen-Sabeth – ähnlich frisch-forsch-fordernd, quasi unwiderstehlich für Männer in der zweiten Lebenshalbzeit, fast an der selben Stelle, nur kürzer und heftiger. Ottos Walter ist hingegen nun als Technikus wesentlich naiver und ohne jede Vision – jenseits der hypophysischen Gensteuerung. Dabei spielt er – sowohl im Anfangsmonolog als auch zum Schluss – die ganze Verzweiflung über seinen Verlust groß heraus. Sonst hat er, für die Ingenieure im Saal, rein logisch meist Recht.
Wie im ‚Faust‘ ist Dirk Glodde sein würdiger, kühler Gegenpart: Als Herbert muss er nicht hexen oder teuflisch paktieren und strahlt dennoch eine gelassene Souveränität aus, so dass beide Stücke selbst im Rollentausch Otto/Glodde gut vorstellbar wären. Auch Susanne Stein, bei Faust als Gott (sowie Marthe und Hexe) im Einsatz, hier als Jüdin Hanna, die übers kommunistische Ostberlin ins antike Athen gelangt und einst als Elisabeths Mutter ihrem Ex Walter dessen Vaterwerdung aus logischen gründen verschwieg, ist schlicht eine Optimalbesetzung.
(…)
Nebenher erzählen Frisch wie Weber (die Spielfassung wird dem ganzen Kollektiv zugeschrieben) in ihrer abstrakt-zeitlosen Liebesgeschichte, die den Eliten unter den heimatlosen Neuzeitnomaden jederzeit passieren kann, ganz sensibel ein Stück europäischer Leidensgeschichte mit, die sich nebenher eingräbt: Herkunft, Religion, vielleicht auch Alter sind völlig (schweinefreie!) Wurst, wenn man sich im babylonischen Sprachgewirr der Liebe findet. (…)

Andreas Herrmann

„Thüringer Allgemeine“ und „Thüringische Landeszeitung“ schreiben am 17.10.2017

Walter Faber hätte freiwillig ein Schauspielhaus nie betreten; seine große Liebe Hanna nötigte ihn in jungen Jahren bisweilen dazu.
‚Ich bin Techniker und gewohnt, die Dinge zu sehen, wie sie sind‘, ließ Max Frisch diesen vernunft-, nicht fantasiebegabten Ingenieur (‚ein männlicher Beruf‘) konstatieren.
So hätte ihm wohl eine nüchterne Vorbühne zwar gefallen, die am Boden und an einer Vorhangwand wie mit Stahlplatten vernietet erscheint.
Den lebensfeindlichen Ort, das unterkühlte Menschengefängnis hätte er aber kaum empfunden. Er hätte zwei Männer auf Metallhockern gesehen und eine Frau im Stewardesskostüm, aber kein Flugzeug. Er hätte eine schiefe Ebene mit Geländern gesehen, aber kein Schiffsdeck. Er hätte einen roten Samtvorhang gesehen, aber nicht die Pariser Oper.
(…) Das Theater hat diese Figur des Jahres 1957, in dem sie auftauchte und in dem sie handelt, als sehr moderne entdeckt.
So tritt sie nun auch im Schauspielhaus Chemnitz auf, obschon im Anzug ihrer Zeit. Weimars Intendant inszeniert sie dort: für Hasko Weber eine Rückkehr zu Anfängen; begann er doch sein Leben als Schauspieler und Regisseur dort, als das Haus noch in Karl-Marx-Stadt stand. Den Faber besetzte er mit Philipp Otto, mit dem er als Schauspielchef in Dresden schon oft gearbeitet hatte.
(…) ‚Technik statt Mystik‘, lautet Fabers Credo. Mit Skulpturen versuchte man demnach das ewige Leben durch Abbildung des Menschenleibes, mit Robotern versuche man es inzwischen durch dessen Ersetzung.
Das kommentiert der Abend mit dem Kopf einer schlafenden Erinnye – antike Rachegöttin, auf die Faber in Rom stößt – den sie hier hügelgroß auf die Bühne wuchten (Ausstattung: Sarah Antonia Rung aus Weimar). Er liegt da für mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als die Schulweisheit sich träumen lässt. Dass Faber solche nicht sieht, nicht das Widersprüchliche, Irrationale, Emotionale – ‚Gefühle sind Ermüdungserscheinungen‘ – ist sein Verhängnis.
Hasko Weber macht daraus mit je drei sich auf Augenhöhe begegnenden Schauspielerinnen und Schauspielern 100 Minuten dringliches Erzähltheater: gewiss die beste Form, Prosa auf die Bühne zu bringen. Sein erstes Ziel scheint zu sein, den Text als immer noch relevant vorzustellen. Er lässt Faber seinen Bericht umstandslos und lakonisch beginnen, mit einer Hand in der Hosentasche.
(…) Weil ihm alles verstehbar und erklärbar sein muss, versteht er rein gar nichts.
Schon gar nicht, wie er sich in Sabeth verliebte, die Seraina Leuenberger pfiffig schillern lässt: kein Mädchen mehr, noch keine Frau. Sie ist, das weiß er nicht, will’s nicht wissen, seine Tochter, von Hanna, ‚deutsche Halbjüdin‘ (…). Susanne Stein lässt diese sehr kraftvoll zwischen Wut, Trotz und nervöser Empfindsamkeit pendeln.
Magda Decker, Martin Valdeig und Dirk Glodde vermeiden in mehreren Nebenfiguren grobe Skizzen und gelangen zu vollwertigen Rollen.

Michael Helbing

Die „Freie Presse“ schreibt am 17.10.2017

‚Homo faber‘ (…) ist in Chemnitz großartiges Schauspielertheater (…).
Am Anfang Stille. Walter Faber lehnt im korrekten Anzug an dem mit kühlen Metallplatten beschlagenen Eisernen Vorhang. Gut sieht er aus, sicher wirkt er, nichts lenkt ab von ihm. Und er sagt ... nichts. Ein, zwei, drei Minuten ohne Text auf der Bühne könnten eine Ewigkeit sein. Doch in ‚Homo faber‘, einem Stück nach Max Frischs berühmten Roman (…), tritt genau das Gegenteil ein. Sofort ist Spannung da. Philipp Otto in der Hauptrolle schlägt in Bann - und die Inszenierung von Hasko Weber entlässt das Publikum daraus erst, als die Hauptfigur am Boden liegt. Ein gescheiterter Mensch auf der ganzen Linie. In den 100 Minuten der Inszenierung aber kein einziger schwächelnder Moment.
Ein Mann legt Zeugnis von sich und seinem Leben ab. Das heißt, eigentlich beginnt dieser Abend als einzige Selbstrechtfertigung. Walter Faber, erfolgreicher Ingenieur in Diensten der Unesco, immer und auf allen Kontinenten unterwegs, glaubt nicht an Schicksal und Fügung. Zufall, was ist das? Er ist ein moderner Mensch, der allein der Technik vertraut. Alles Emotionale und Natürliche liegt ihm so fern, dass er es nicht versteht. Er muss sich der Frage stellen, ob er Schuld am Tod seiner Tochter trägt - und wie es kommen konnte, dass er mit ihr eine Liebesbeziehung einging. Immer wieder beteuert er, dass er nicht wissen konnte, dass Elisabeth, der er auf einer Schiffspassage von Amerika nach Europa begegnet und die er Sabeth nennen wird, sein Kind ist. Die Umstände liegen für ihn nicht im Bereich des Wahrscheinlichen. Entfremdet vom echten Leben, fragt er in entscheidenden Momenten einfach nicht nach.
Auf der Bühne läuft eine Rückschau auf verschiedenen zeitlichen Ebenen ab - und die immer verzweifelter werdende Suche nach nüchternen Fakten, mit denen man das Verhängnis erklärbar machen kann. Doch Leben lässt sich nicht berechnen, wie Faber schmerzhaft erfahren wird.
1957 erschienen, hat Max Frischs Roman über den Zwiespalt von Verstand und Gefühl nie an Aktualität verloren. Es scheint vielmehr, als hätte die damalige Debatte um völlige Erklärbarkeit der Welt und Unerklärbares in der heutigen Zeit der Globalisierung und Digitalisierung an Schärfe gar noch gewonnnen. Wie entscheidet sich der Mensch, woran glaubt er, und welche Konsequenzen hat das? Hasko Weber, der Ende der 80er-Jahre seine Theaterkarriere im Karl-Marx-Städter Schauspielhaus begann und nach verschiedenen Stationen heute Generalintendant des Deutschen Nationaltheaters Weimar ist, baut als Gastregisseur ganz auf die Schauspieler und kommt ohne szenischen Schnickschnack aus. Sarah Antonia Rung hat ihm dafür eine karge Bühne entworfen, die der Konzentration auf das Wesentliche kongenial entspricht.
Es hat Klasse, wie Philipp Otto diesen Rationalisten Walter Faber zeigt: als einen Mann von 50 Jahren, der fest daran glaubt, dass alles beherrschbar ist, und der nach und nach seine menschlichen Defizite offenbart. Auch Hanna, seine einstige Geliebte und Mutter von Elisabeth, wird bei der grandiosen Susanne Stein zu einer Frau, die sich Versagen eingestehen muss. Hat sie Elisabeth doch immer nur als ihr Kind betrachtet und Walters Vaterschaft verschwiegen. Als zufällige Reisebekanntschaft und Bruder von Fabers Jugendfreund Joachim ist Dirk Gloddes Herbert mit trockenem Humor eher einer, der an überhaupt nichts mehr glaubt. Wie ein Gegenentwurf zu allen anderen gibt Seraina Leuenberger ihre Elisabeth als eine erfrischend natürliche, von noch nichts angefochtene junge Frau.
Fabers Leben erscheint verfehlt. Nichts hat er mehr in der Hand. Der Zuschauer wird mit einem offenen Ende entlassen, das man nicht so einfach abhakt. Das Premierenpublikum zeigte sich begeistert und dankte mit sehr langem Beifall.

Uta Trinks

Die „Morgenpost Chemnitz“ schreibt am 16.10.2017

(…) Bei der Premiere (…) löste das Stück (…) wahre Begeisterungsstürme beim Publikum aus.
(…) Das Stück wird getragen von der grandiosen Darstellung der Schauspieler. Allen voran Philipp Otto, der als Faber einen bedrückenden Blick auf die welt und die Menschen liefert und in seiner Nüchternheit philosophisch wird. Das Gegenstück zu Faber ist Elisabeth – seine Geliebte und, wie sich später herausstellt, Tochter. Gespielt wird Sabeth von Seraina Leuenberger mit kindlicher Leichtigkeit, die pure Lebensfreude versprüht. Ebenfalls im Gegensatz zu Faber steht Herbert, der durch verschiedene Ereignisse in seinem Leben resigniert wirkt. Gespielt wird er mit wunderbar trockenem Humor von Dirk Glodde.
Die rund 100-minütige Inszenierung von Hasko Weber besticht durch Einfachheit und feinen Sinn für Humor. Die Darsteller stehen im Mittelpunkt und ihr Spiel wird nicht abgelenkt von einer erschlagenden Kulisse oder zu vielen Effekten. (…)

vw

Der „Stadtstreicher“ schreibt in Ausgabe 11/2017

Faszinierend unaufgeregt
Mit ‚Homo faber‘ gelingt das Einfache, das so schwer zu machen ist.
Endlich vertraut mal wieder einer auf die ureigenen Mittel des Theaters: auf die Schauspieler, auf den Text, auf die Semiotik… Das geht gleich gut los. Die Bühne von Sarah Antonia Rung ist einfach verblecht und genietet – Flugzeug, na klar. Zwei Männer sitzen dort auf Hockern und wollen nach Mexico City. Dann stürzt die Maschine über der Wüste beinahe ab, was die beiden nicht weiter aufregt. Auch die Stewardess spricht grundsätzlich beruhigende Worte, während sie allerdings komplett in Panik gerät. Und schon ist klar: Diese Inszenierung wird auch vom Subtext leben. Vor allem jedoch von der Verabredung, immer bei der Frage zu bleiben, was da ist oder nicht ist zwischen Himmel und Erde, Irrationalem und Rationalem, Natur und Kultur. (…)
Das alles packt das Team unter Leitung von Regisseur Hasko Weber in eine Szenenfolge mit großer philosophischer Tiefe und packender Konzentriertheit, die immer wieder unterbricht – für Selbstreflexionen Fabers, für Rückblenden, für Vorwegnahmen, für Ausführungen zu den großen Diskursen der Welt, für Brüche, Abschweifungen.
Trotzdem oder vielmehr deshalb bleibt das Geschehen schlüssig und spannend. Nicht zuletzt auch wegen des wunderbaren Ensembles, einer so stolzen wie gebrochenen Susanne Stein, einer durchgedrehten Magda Decker, einer unbedarft-schwärmerischen Seraina Leuenberger, eines intellektuellen Martin Valdeig, eines desillusionierten Dirk Glodde und eines grandiosen Philipp Otto als Faber. Herrlich wie er zwischen nüchterner Weltbetrachtung und innerem Aufgewühltsein balanciert, wie er die zunehmende Verunsicherung spüren aber nicht hören lässt, wie er die rationale Sprache mit Nuancen füllt.
Immer wieder blitzt er auf, der Diskurs über Wohl und Wehe des technischen Fortschritts, wie er damals tobte, als Max Frisch seinen Bericht schrieb und Faber als Ingenieur in die Verhandlung schickte. Gut 60 Jahre später zeigt Hasko Weber, dass der gesellschaftliche Dialog noch immer der gleiche ist, vielleicht auch mit digitaler Prägung.
(…)

Jenny Zichner

Startseite
Suche Zusatzinformationen
Teilen
nach oben eine Seite zurück

Was suchen Sie?

Suche schließen
Exit
nach oben eine Seite zurück