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Spielplan

Faust I

Do
19.
April
Schauspiel

Faust I

Tragödie von Johann Wolfgang von Goethe

 
 

 

Der Wissenschaftler Dr. Heinrich Faust hat in seinem Leben, so könnte man meinen, alles erreicht. Er ist ein gut situierter Forscher, unersättlich im Streben nach Wissen. Und dennoch, „was die Welt im Innersten zusammenhält“, ist nicht auszumachen, nicht zu begreifen, nicht zu fassen. In Einzelteile zersplittert liegt sie vor ihm, fremd ist sie ihm geworden, diese Welt. Kein Halt – nirgends. Stimmen werden in ihm laut.
In diesem wunden Zustand trifft Faust auf Mephisto und geht mit ihm eine folgenreiche Wette ein: Er gibt sein Leben, wenn Mephisto es schafft, ihm den einen höchsten Augenblick zu bescheren. Mit dem Teufel an seiner Seite gelangt Faust mehr und mehr in die unentdeckten Sphären seiner selbst und was da zu Tage tritt hinterlässt Spuren in der Welt. Was in Auerbachs Keller als leichtes Saufgelage mit dem pöbelnden Volk beginnt, setzt sich als exzessiver Verjüngungstrip in der Hexenküche fort. Raum und Zeit werden außer Kraft gesetzt, immer stärker wächst damit die Begierde nach dem „Mehr“ und dem Unmöglichen. So trifft Faust schließlich auf Gretchen. Und was eine Liebesgeschichte sein könnte, bei der man verweilen möchte, denn, „Augenblick, du bist so schön“, endet mit der Vernichtung und Zerstörung dieser jungen Frau, die gerade angefangen hatte zu leben. Fausts Rastlosigkeit und seine Begierde nach dem immer Anderen hat sich längst schon verselbständigt.
Carsten Knödlers Inszenierung gleicht einer Parabel, die mit Historie spielt und zugleich Analogien zur Gegenwart herstellt: wie begegnet das einerseits maßlose, zugleich zerstreute und geteilte Ich einer ebenso zerstreuten und zersplitterten Welt? All seine Figuren sind Einzelkämpfer bei ihrer jeweils ganz individuellen Suche nach dem Sinn des Lebens. Und wenn sie sich begegnen, erkennen sie sich nicht als Menschen unter Menschen, sondern nur die Funktion und Nutzbarkeit des Gegenübers. Doch wie viel Einsamkeit, Anonymität und Funktionalität erträgt eine Gesellschaft bevor sie implodiert?

Kooperation mit dem Ballett Chemnitz

 

 

Spielort:Schauspielhaus - Große Bühne
Dauer:2 h 45 min / 1 Pause
Altersempfehlung:ab 15 Jahren
Information:Die Inszenierung beginnt mit dem "Vorspiel auf dem Theater" um 19.15 Uhr (25.02.: 17.45 Uhr) im Foyer
Premiere:06.05.2017
Do, 19. April | 19:30 Uhr
ausverkauft
 

Weitere Termine

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07.05.2019 Dienstag 19:30 Uhr    
Schauspielhaus - Große Bühne
28.05.2019 Dienstag 19:30 Uhr    
Schauspielhaus - Große Bühne

Bilder zum Stückes

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Videomedien zum Stück

Video

Inszenierungsteam des Stückes

Inszenierungsteam
Regie Carsten Knödler

Bühne Frank Hänig

Kostüme Ricarda Knödler

Choreografie Sabrina Sadowska

Musik Steffan Claußner

Dramaturgie und Szenische Einrichtung Vorspiel Kathrin Brune

Besetzung des Stückes

Besetzung
Faust
Philipp Otto

Mephisto
Dirk Glodde

Faust (Alter Ego I), Erdgeist
Wolfgang Adam

Faust (Alter Ego II), Student
Dominik Puhl

Faust (Alter Ego III), Valentin
Ludwig Stein
Tim Beier

Herr, Marthe, Hexe
Susanne Stein

Gretchen
Seraina Leuenberger

Wagner, Böser Geist
Jan Gerrit Brüggemann

Damen und Herren des Balletts
Isabel Dohmhardt
Helena Gläser
Nela Mrázová
Soo-Mi Oh
N.N.
Molly Gardiner
Tarah Malaika Pfeiffer
N.N.
Yoh Ebihara
Alejandro Guindo Martín
Benjamin Kirkman
Milan Maláč
Jean-Blaise Druenne
N.N.

Vorspiel auf dem Theater
Rebecca Halm
Svenja Koch
Daniel Hölzinger
Marko Capor

Pressestimmen zum Stück

Pressestimmen

„Dresdner Neueste Nachrichten“ schreiben am 12.05.2017

Klassische Leitkultur
Chemnitz gönnt sich einen ‚Faust‘, bei dem Jung und Alt zufrieden jauchzt
Am Anfang steht der Knips. Der Herr, von links aus der Chemnitzer Ecke kommend, schiebt – skeptisch Bühnenbild und Publikum betrachtend – einen kinderlosen Kinderwagen vor sich her. Und schaltet das Licht an, um nach einem kurzen planetarischen Schöpfungsvideokurs eine Art Wette mit dem Satan zu schließen. Gegenstand dieser: der ausgebrannte und irdisch dermaßen abgeklärte Doktor Heinrich Faust, so dass beide ihn gern im Jenseits auf jeweils ihrer Seite der Erdscheibe sähen.
In Chemnitz wird der ‚Prolog im Himmel‘ von Susanne Stein und Dirk Glodde in jener Gelassenheit und Verständlichkeit gespielt, die Gott und Mephistopheles gebührt. Es folgt ein Duell mit jenem Faust in Form von Philipp Otto, das in den kommenden drei Stunden inklusive Pause von ‚Faust I‘ für eine einigermaßen komplette Vorstellung der Möglichkeiten heutigen Theaters ohne performativen Schnickschnack sorgt und in der die weite Geisteshaltung des Altmeisters aller deutscher Leitkulturellen, die Respekt vor des Pudels Kern wahren, zu erleben ist. Schauspieldirektor Carsten Knödler tut das durch Mittelvielfalt unter strikter Konzentration auf die beiden Hauptkonflikte: Vor der Pause die Verzweiflung von Faust vor der schieren Endlichkeit der Wissenskraft, die ihn zum Teufelspakt treibt und er dabei gar auf den Glauben an postmortale Erfüllungen pfeift. Wobei hier – wie immer und überall – nicht erläutert wird, was der Teufel mit so einem Typen in der Hölle anfangen will.
Nach der Pause geht es dafür um die Chimäre der reinen Liebe, die sich unter der Last der Lust und drei Morde später als zu euphorisch bewertet erweist. Denn trotz guter Hexenküche versagt drei Mal die Chemie der Natur und beschert einem eigentlich frühlingsbeschwingten Liebespaar nach manipuliertem Kurzzeitglück rasch eine düstere Zukunft. Dieses Versagen wäre heute undenkbar, dennoch beschert Goethes ‚Faust‘ den deutschen Bühnen immer noch besten Besucherzulauf. Aber der Transfer der bedeutungsschwangeren Verse, deren Bekanntheit heutzutage den Spagat über Jahrhunderte geradezu erfordert, gilt hierzulande immer noch als die theatrale Herausforderung schlechthin, denn die erste Liebe vom frischen Gretchen verläuft quer aller Erfahrungen und Erwartungen, weil sie mit der Hiobswette zwischen Gott und Teufel kontaminiert ist, demzufolge in Abgründe führt.
Gewiefte Gegenspieler auf Augenhöhe
So verliert das eigentlich gute, keusche und beichtende Mädchen nicht nur den abholden, weil teuflisch infizierten Geliebten, sondern auch noch Bruder, Mutter und Kind, derweil sich der olle Gelehrte um den Preis seiner postumen Seele dem Zweikampf mit dem Ziel der Wissens- und Bewusstseinserweiterung ergibt. Warum auch immer. Hier tobt dieser ungleiche Dreikampf auf zwei spielerisch gelungen gelösten Ebenen: Glodde und Otto geben intellektuell gewiefte Gegenspieler auf Augenhöhe, wobei der Teufel mit Hut nur mal ganz kurz hinkt, und man Otto das Begehren zu Seraina Leuenberger, als Gretchen die Entdeckung des Abends, kaum übelnehmen kann. Dazwischen agiert als Ruhepol Susanne Stein, die auch als Marthe und Hexe dem Teufel nicht abgeneigt ist. Jan Gerrit Brüggemann spielt neben dem Bösen Geist auch den Wagner so diabolisch, als ob er mehr zur Teufelspartei neige.
Nun gönnt sich jeder Intendant gewisser Reife irgendwann Goethes Klassiker zur Frühjahrserbauung, so auch in Sachsen: In Dresden Holk Freytag als Teil seiner Mephisto-Trilogie zu Ehren Ahmad Mesgarhas anno 2006, in Zittau Roland May 2007 und in Freiberg Manuel Schöbel 2010 mit jeweiligem Rollentausch der beiden Protagonisten im Angesicht des Jungbrunnens. Diese waren zwar nicht bei der Premiere in Chemnitz zugange, dafür eine gehörige Riege des sächsischen Theateradels, auch Faust-Kenner Hasko Weber kam aus Weimar rübergedüst.
Der Alterstausch ist in Chemnitz nicht nötig, dafür ergänzt Knödler den Gelehrten um drei Alter Ego, die seine geistigen Ergüsse als Dia- statt Monologe in neuem Licht erscheinen lassen, wobei Wolfgang Adam noch erhaben den Erdgeist, Martin Valdeig ergeben den Schüler mimt. Der ganz junge Ludwig Stein ist (alternierend mit Tim Beier) hingegen noch Gretchens (hier jüngerer) Bruder Valentin und stirbt derart als deutscher Kindersoldat – auch eine Lösung.
Zwei weitere Ideen werden im Hirn hängen bleiben: Vier Kernszenen gipfeln jeweils in einem fulminanten Tanzrausch, für den Ballettdirektorin Sabrina Sadowska fünf Paare in ihren eigenen Choreographien stiftet. Das kommt besonders effektvoll beim uniformen Gelage in Auerbachs Keller sowie bei der wilden Walpurgisnacht und wirkt als Teil des ganzen Musikkonzepts von Hauskomponist Steffan Claußner so wie dieses nachhallend. Dem Bühnenbild von Frank Hänig, ein sich stets nach hinten verjüngender, randbeleuchteter Sechsfachguckkasten, gelingt ab und an (bei passendem Spiel) die faszinierende Täuschung, dass der Zuschauer von unten nach oben in einen postmodernen Innenhof schaut. Dazu schafft er per Kippspiegel einen reihenweise subjektiven Einblick in die Liebesszene auf riesigem rotem Laken, die Knödler durchaus romantisch, aber vor dem eigentlichen Schlafmitteldating verortet. Die Kostüme von Ricarda Knödler sind, wie schon bei der ‚Lerche‘ oder dem ‚Volksfeind‘, modern und galant.
Nun lässt Knödler, der auch Osterspaziergang und Gretchenfrage ungewöhnlich anbietet, als Direktor das Vorspiel auf dem Theater keinesfalls weg, sondern gönnt es dem darum wissenden Publikum eine Viertelsunde vor Beginn im Foyer, unter Leitung von Chefdramaturgin Kathrin Brune und dem alljährlich frischen Schauspielstudioquartett. Das holt sich Chemnitz – weil die von Sachsen bezahlte Leipziger Theaterhochschule (neben Dresden und der eigenen Stadt) lieber mit Weimar kollaboriert – derweil aus Graz, Linz und Zürich, was leider jeweils nur für ein Jahr geht. So waltet Goethes Prophezeiung zum hier eingefrorenen Vorspielschluss zum Ende jeder Spielzeit: ‚Und wandelt mit bedächt’ger Schnelle / Vom Himmel durch die Welt zur Hölle.‘ Steffi Baur, Cathrine Dumont, Konstantin Rickert und Johannes Bauer tun dies bald mit diesem Faust als Empfehlung im Gepäck, der ob seiner Szenenklarheit als blühende Interpretationswiese vor allem von Deutschlehrerinnen zufrieden jauchzend geliebt werden wird.

Andreas Herrmann

Die „Sächsische Zeitung“ schreibt am 11.05.2017

Schlipsträger auf Sinnsuche
Ein aufwendiger ‚Faust‘ will im Chemnitzer Schauspielhaus mit Ballett und Bildwucht gefallen.
Ein Video überzieht den Bühnenraum mit einer Mauer, deren Steine pulsieren. So sieht die Welt aus, wenn man viel gebechert hat. Wir sind in Auerbachs Keller, dem Becherparadies schlechthin, und eigentlich sollte Spießbürger Faust hier alle Steifheit abschütteln, ins pralle Leben tauchen – wie es die Mannschaft der bebrillten Schlipsträger tut. Berauscht lassen sie flache Hände auf den Tisch klatschen, sie kreisen Oberkörper, bilden eine Kette und werfen die Beine in die Luft. Faust langt’s. ‚Ich hätte Lust, nun abzufahren‘, sagt er und ballert die Businesstrinker ab mit einer blinkenden Spielzeugpistole.
Es ist längst nicht das Einzige, was bei diesem Update des deutschen Überklassikers blinkt, strahlt, leuchtet. Das Chemnitzer Theater zeigt Goethes ‚Faust I‘ in einem Tunnel aus sechs riesigen, hintereinander gestaffelten Lichtrahmen. Das allein wäre Symbol genug: Zu welchem Vergnügen auch immer der verstaubte Faust dank des Pakts mit Mephisto gelangt, er bleibt in Leere gefangen.
Den mächtigen Raum lässt Schauspieldirektor Carsten Knödler leider mit vielen Bildern füllen, die man bestenfalls plakativ nennen kann, etwa den Kinderwagen vor der Filmsequenz einer Atombombenexplosion. Auch die Tänzer haben eher illustrative Funktion, zum Beispiel, wenn sie das frühlingshafte Hoffnungsglück mit schlängelnden Armen anbrechen lassen.
(...) gute Schauspieler geben der Augenbezirzung Gehalt. Eine Könnerin wie Susanne Stein als Göttin kriegt schon mit einem Zwinkern die Zuschauer auf ihre Seite. An Philipp Otto und Dirk Glodde erinnern sich viele noch aus deren Zeit am Dresdner Staatsschauspiel. In Chemnitz nun schleicht Otto als sinnsuchender Jacketthäftling Faust durch die Gräben zwischen den Leuchtrahmen, bevor Gloddes herrlich gewitzter Mephisto als Lebensbeflügler antritt. Faust öffnet Hemd und Hose und schläft mit Gretchen unterm roten Seidentuch. Das Mädchen verliert ihren Ruf, Mutter, Bruder und den Verstand. Doch wird es am Ende weder gerichtet noch gerettet, sondern verschwindet hinter einem Kettenvorhang im Schwarz.

Rafael Barth

Die „Freie Presse“ schreibt am 08.05.2017

Diabolisch gut
Goethes ‚Faust‘ ist ein Schatzkästlein für Zitate. Doch sicher nicht nur deshalb hat die Ankündigung der Tragödie in Chemnitz einen Ansturm auf die Karten ausgelöst - bevor das Stück überhaupt Premiere hatte. Werden die hohen Erwartungen erfüllt?
‚Von Zeit zu Zeit seh' ich den Alten gern ...‘, kommentiert Mephisto die Begegnung mit dem Herrn - der in der jüngsten Chemnitzer Inszenierung eine Frau ist. Dem Publikum geht es offensichtlich mit Goethes ‚Faust I‘ ähnlich, denn für die in dieser Spielzeit noch angesetzten Vorstellungen gibt es allenfalls Restkarten. Ausverkauft sozusagen, noch ehe die Premiere (...) stattfand.
Die Tragödie hat also nichts an Faszination verloren. Sinnsuche ist eben ein ewig aktuelles Thema - und immer wieder neu für jede Generation und Lebenssituation. Dauerhaft weist die Statistik des Deutschen Bühnenvereins das Stück denn auch als eines der meistinszenierten und -gespielten aus.
Was hat der Klassiker nicht alles schon aushalten müssen - und ausgehalten: 2012 etwa wurde seine Handlung in Leipzig rückwärts gespielt - ohne Worte. Gegenwärtig sind in der deutschen Hauptstadt zwei gegensätzliche Lesarten (jeweils beide ‚Faust‘-Teile) zu erleben: am Berliner Ensemble ein von Robert Wilson angerichtetes Bildertheater mit Musik von Herbert Grönemeyer und an der Volksbühne die Abschiedsinszenierung des Intendanten Frank Castorf, der die Sache in die Pariser U-Bahn verlegt und auch gleich Frankreichs Rolle als Kolonialmacht mitbehandelt. Karten sind auch hier schwer zu haben.
Nun, so spektakulär ist die Inszenierung von Carsten Knödler in Chemnitz dann doch nicht. Man kann eher von einem konventionellen Zugang sprechen, der allerdings durchaus modern daherkommt und die Spannung über drei Theaterstunden halten kann. Beim ‚Vorspiel auf dem Theater‘, das bereits im Foyer stattfindet, gibt es schon so einige Spitzen auf den Zeitgeist - von zwei Schauspielstudenten als goldene Winkekatzen amüsant illustriert. Im großen Saal dann vier Darsteller in der Titelfigur, hauptsächlich aber führt Philipp Otto einen Mann in einer Lebenskrise vor. Sein Gang ist gebeugt. Müde, ja depressiv und sarkastisch ist er geworden, der erfolgreiche Wissenschaftler Dr. Faust, der der letzten Erkenntnis vergeblich hinterherjagt. Und weil ihn der Erdgeist, bei dem er Hilfe sucht, abblitzen lässt, kommt ihm der Pakt mit dem Teufel gerade recht. Die Handreichungen des Mephisto zielen zwar in eine andere Richtung, aber der einst kühle Forscher findet bald Geschmack am ‚wahren‘ Leben, an der neuen Welt, die sich dank teuflischen Geleits für ihn öffnet.
Bei Dirk Glodde ist der Luzifer ein rechter Kumpeltyp, der sich mal unbemerkt anschleicht, mal donnernd auftrumpft oder vielsagend auch nur eine Augenbraue hochzieht. Er kehrt Mephistos Verschlagenheit nicht allzu sehr heraus, lässt sie aber immer spüren. Denn ganz ohne Gegenleistung will der dem Lebensmüden ja nicht zu Diensten sein. Etwa, wenn er ihm Gretchen zuführt, die Seraina Leuenberger wunderbar zart und natürlich gibt. Es rührt einen an, wenn sie in ihrem Elend von Faust im Gefängnis im Stich gelassen wird. Der Vater ihres nun toten Kindes stiehlt sich schlicht aus der Verantwortung. Als Herr, Marthe und Hexe zeigt sich Susanne Stein wandlungsfähig und eindrucksvoll. Sie und Dirk Glodde bilden in so mancher Szene ein traumhaft diabolisches Gespann. Schauspielerisch ist der Abend eine Wucht.
Die fabelhaft agierenden Damen und Herren des Chemnitzer Balletts zaubern zudem vortreffliche Stimmungen auf die Bühne, die Frank Hänig, der zeitlos wirkenden Inszenierung kongenial entsprechend, funktional und zugleich imposant gestaltet hat.
Der Abend ist stringent in Szene gesetzt, überaus unterhaltsam, zuweilen witzig, auch mit stillen, gefühlvollen Momenten. An Ende gab es viel Beifall vom Premierenpublikum für die Mimen und das Inszenierungsteam - und für Dirk Glodde auch Bravos.

Uta Trinks

Die „Morgenpost Chemnitz“ schreibt am 08.05.2017

'Faust‘ erobert Chemnitzer mit ganz großem Theater
Großes Theater im Schauspielhaus: Nach 41 Jahren feierte wieder ‚Faust I‘ Premiere – vor ausverkauftem Haus.
Aus dem großartigen Ensemble stechen die Hauptdarsteller Philipp Otto als verführerischer Faust und Dirk Glodde als sarkastischer Mephisto hervor. Seraina Leuenberger spielt mit einer kindlichen Leichtigkeit das Gretchen.
Schauspieldirektor Carsten Knödler inszeniert den Klassiker von Johann W. von Goethe (1749-1832) modern mit teilweise etwas zu viel Videotechnik. Genial der Einfall, die Hauptfigur dreifach auf die Bühne zu bringen, so dass Philipp Otto mit seinen beiden ‚Alter Ego‘ (Martin Valdeig, Wolfgang Adam) Zwiegespräche führen kann.
Eine Reminiszenz an den berühmtesten Mephisto-Darsteller Gustaf Gründgens ist die Teufelsmaske Gloddes. Erst nachdem Faust den Pakt eingegangen ist, zeigt er sich in Menschengestalt.
Am Ende der dreistündigen Inszenierung konnte ‚Faust‘ das Herz der Chemnitzer erobern. Die nächsten Aufführungen sind ausverkauft. (…)

vw

Der „Stadtstreicher“ schreibt in Ausgabe 06/2017

Schöne Bilder
Das Schauspiel Chemnitz spielt ‚Faust I‘
(...) Was dem ‚Faust I‘ an Relevanz fehlt, hat er an schönen Bildern und guten Schauspielern. Das ist nicht zuletzt auch das Verdienst von Frank Hänig, der die Bühne mit leuchtenden Bilderrahmen nach hinten verjüngt, mit Spiegeln spielt, mit satten Farben und damit Hürden in den Lauf der Geschichte baut, unterschiedliche Perspektiven schafft, Unnahbarkeit genauso wie intime Einblicke. Und nicht selten zeigen diese intensiven Räume auch eindrücklich die Einsamkeit der Menschen, klein und unscheinbar in der endlosen Weite. Vielleicht wäre auch das ein Ansatz gewesen: Der Mensch nimmt sich viel zu wichtig. Aber dafür sind die Spieler zu stark. Sie füllen diese Weite immer aufs Neue. Vor allem Dirk Glodde, der Mephisto mit einer unbändigen Gelassenheit ausstattet und ausnehmend viel Gespür für Goethes Verse mitbringt, dem Witz des Textes Raum gibt. Sein Ton macht’s und die kleine aber feine Gestik. Dagegen ist der Faust von Philipp Otto ein wahrhaft unruhiger Geist, ständig in Bewegung, immer suchend oder fordernd, aber stets mit intellektueller Pose. Auch wenn es längst ums Genießen geht und Saufkumpane, Hexen, Gretchen ihn aus dem Alltag reißen – profane Lust ist nicht sein Metier. Zwei starke Gegenspieler und dazwischen viele schöne Nuancen von Susanne Stein als Herr genauso wie als Marthe oder Hexe, von Seraina Leuenberger als Gretchen oder von Jan Gerrit Brüggemann als Wagner und böser Geist machen die Inszenierung durchaus erlebenswert. Auch der Kunstgriff, das Volk, die Hexen und Geister der reichen Körpersprache des Balletts zu überlassen, das so faszinierend spürbar machen kann, was unaussprechlich ist, macht den Abend besonders. (...)

Jenny Zichner
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