© Dieter Wuschanski

Spielplan

Europa! - Ein patriotischer Abend, 1917!

Do
07.
Dezember
Schauspiel

Europa! - Ein patriotischer Abend, 1917!

Eine szenische Collage
URAUFFÜHRUNG

 
 

Mit den künstlerischen Avantgarden entwickelten sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Deutschland zahlreiche expressionistische Strömungen, deren Vertreter in regem Austausch mit anderen europäischen Vorbildern eine neue, vielseitige und radikal-subjektive Bild- und Formensprache entwickelten. In bruchstückhaft-expressiven Momentaufnahmen skizzierten die Künstler eine zwischen konservativem Moralismus und industriellem Aufbruch zerrissene Welt, deren Farben, Formen, Sprache und Klänge sich in einem neuen Raum-Zeit-Gefüge auflösen sollten. Doch mit Beginn des I. Weltkrieges implodierte das Verhältnis von Künstler-Ich und Umwelt. Während die einen begeistert in den Krieg zogen, der die ersehnte gesellschaftliche Umwälzung bringen sollte, zogen sich die anderen in ihr Innerstes oder das Exil zurück. Der Krieg beendete den gemeinsamen europäischen Gedanken und führte zu unterschiedlichsten künstlerischen Reaktionen – DADA, Abstraktion oder Neue Sachlichkeit sind nur einige Versuche, mit den traumatischen Erfahrungen umzugehen und die Trümmer jener auseinandergefallenen Welt in einer künstlerischen Verarbeitung zu (be-)greifen.

In einem poetischen Zusammenspiel von Text, Theater, Tanz, Musik und Bildender Kunst spürt Carsten Knödler einzelnen Künstlerbiografien und jener zerrissenen Welt um 1917 nach, die zwischen den Zeiten in hoffnungsvollem Aufbruch ihren Anfang nahm und schließlich in einem kollektiven Kollaps mündete, dessen Folgen bis heute spürbar sind. Texte, Gedichte, Lieder, Pamphlete und Tagebucheinträge, u. a. von Paul Klee, Else Lasker-Schüler, Wassily Kandinsky und Franz Marc, verbinden sich mit Schauspiel, Musik und Tanz zu einer sinnlichen und zugleich skizzenhaft-rissigen Collage, die – nicht zuletzt im Zitat der dadaistischen Arbeiten von Hugo Ball, Kurt Schwitters oder Hans Arp – auch heute danach fragen lässt, welche Wege und Ausdrucksformen die Kunst in Zeiten des Aufruhrs findet, um Gegenwart abzubilden und zu reflektieren.

Es malt Ronald Münch.

 

 

Spielort:Schauspielhaus - Ostflügel
Dauer:1 h 35 min / keine Pause
Altersempfehlung:ab 14 Jahren
Premiere:24.11.2017
Einführung:30 Minuten vor Beginn jeder Vorstellung
Do, 07. Dezember | 20:00 Uhr
 

Weitere Termine

30.09.2018 Sonntag 18:00 Uhr    
Schauspielhaus - Ostflügel
20.10.2018 Samstag 20:00 Uhr    
Schauspielhaus - Ostflügel
09.11.2018 Freitag 20:00 Uhr    
Schauspielhaus - Ostflügel
15.12.2018 Samstag 20:00 Uhr    
Schauspielhaus - Ostflügel

Bilder zum Stückes

Bilder
© Dieter Wuschanski
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Inszenierungsteam des Stückes

Inszenierungsteam
Regie Carsten Knödler

Bühne und Kostüme Teresa Monfared

Musikalische Leitung und Komposition Steffan Claußner

Choreografie Eszter Manz-Kozár

Dramaturgie Friederike Spindler

Pressestimmen zum Stück

Pressestimmen

„Dresdner Neueste Nachrichten“ schreiben am 13.12.2017

Es ist ein durchweg runder Abend mit Tanz, Gesang und kraftvollem Spiel voller Assoziationen. Warum dies voranstellen? Weil der jüngste Chemnitzer Ostflügelstreich (…) als ‚eine szenische Collage‘ angekündigt wurde. Das kann einerseits, sieht man den Namen rein als Programmauftrag, gehörig schiefgehen. Andererseits klingt es bisschen nach Nummernprogramm. Doch Schauspieldirektor Carsten Knödler meint Collage als Betrachtungsspektrum – und fasst die thematische Zuspitzung recht weit: einerseits bezüglich der Kunstformen, die in ein ‚poetisches Zusammenspiel‘ von Theater, Tanz, Musik und Bildender Kunst münden sollen, andererseits auch als Zeitentrilogie.
Denn den Kriegswirren samt Nationalismus als Kern- wie Mittelpunkt (…) setzt er die Belle Époque voran. Um dann in der Nachkriegszeit und in der Welt des Dadaismus und den Vorwirren des nächsten Gräuels – also mit dramatischer Flucht der Künstler zu enden. Dazu bilden Texte, Tagebücher, aber auch Gedichte, Lieder und andere Pamphlete die Grundlage, so von Else Lasker-Schüler, Hugo Ball, Paul Klee und Wassily Kandinsky, aber vor allem von Kurt Schwitters, und die Feldpostbriefe des später im Taumel gefallenen Franz Marc.
Auch das als Collage, aber so geschickt verwoben, dass man es gebannt als Handlungsreigen verfolgt, was vor allem an der Präsenz der Akteure liegt, die direkt am Zuschauer sind, aber keine Rollen spielen, sondern sich stets wandeln und durchaus beeindruckend singen. Von Magda Decker, Philipp Otto und vor allem Philipp von Schön-Angerer kennt man das, nun überzeugen auch Martin Valdeig und Andreas Manz-Kozár. Und auch die beiden neuen Studentinnen des Schauspielstudios Lauretta van de Merwe und Andrea Zwicky.
Vor allem zwei Umschwünge beeindrucken ob ihrer scheinbaren Zwangsläufigkeit: der rasche Verfall von europäisch offenen Künstlern – am Beispiel von ‚Der Blaue Reiter‘ erzählt – zu nationalen Kriegern, die aus Freunden ganz plötzlich Gegner machen können. Und die Mutation von infantilen Weltwirtschaftskrisenshowprogrammkünstlern zu puren Armutsflüchtlingen. Zwei sachen sind besonders besonders: Eszter Manz-Kozár, in Doppelfunktion als Choreografin und Tänzerin, schafft nicht nur dynamische Gruppenreigen und fällt durch eigene Eleganz auf. Sie tanzt mit dem riesigen wie sportlichen Martin Esser, der einen großartigen Chemnitzer Einstieg feiert, ein faszinierendes Totenduett mit Gasmasken auf dem Schlachtfeld vor Verdun. Und Steffan Claußner, seit jeher Knödlers Theatermusikus, hält den Abend mittels Komposition, Einstudierung und Pianobegleitung musikalisch beisammen – wie gewohnt subtil, aber unaufgeregt, sich nie übers Geschehen stellend. Beide spielen bei Bedarf mit und ergänzen eine harmonische Ensembleleistung.
Nur zwei Sachen stören: Die beiden Ausrufezeichen im Titel erscheinen, so nicht ironisch gemeint, übertrieben. Weil echter Patriotismus, der in Zeiten ausschweifender Bürgerkriege und abnehmenden Fortschrittsglaubens wieder zunehmend positiv gesehen wird, hier jenseits angeboren-unschuldiger Vaterlandsliebe, die in Kriegszeiten immer zu Frontstellungen zwingt, kaum vorkommt. Andererseits bleibt der Einsatz vom stadtbekannten Maler Ronald Münch, der in den 98 packenden Minuten der Premiere ein komplettes Werk oben auf der Empore schafft, mangels Draufsicht für die meisten Zuschauer ein wenig unterbelichtet. Aber vielleicht bekommen seine derartigen Bilder so einen Mehrwert.
Dennoch ist angesichts der Dichte, der Dynamik und der Präzision der Abend nicht nur Schauspielfreunden zu empfehlen. (…)

Andreas Herrmann

Die „Freie Presse“ schreibt am 27.11.2017

Das Theater Chemnitz zeigt einen Abgesang auf Europa am Ende des Ersten Weltkriegs mit einer packenden Collage aus Dada, Tanz und Literatur. (…)
‚Seid gegrüßt!‘ Die Schauspielerinnen und Schauspieler geben sich ausgesprochen höflich, wenn sie das Publikum zur ausverkauften Premiere von Carsten Knödlers szenischer Collage (…) an die Bühne des Ostflügels bitten. Um ihnen dann gleich zu den sanften Klavierklängen von Steffan Claußner die harte deutsche Realität der Zeit um 1917 um die Ohren zu hauen (…). In der spartanischen Kulisse (Bühnenbild und Kostüme: Teresa Monfared) aus einer Art Kamin, der schon entfernt an die Krematorien in den Konzentrationslagern erinnert, und einigen Sitzgelegenheiten agieren Magda Decker, Lauretta van de Merwe, Andrea Zwicky, Tänzerin und Choreographin Eszter Manz-Kozár, Martin Esser, Andreas Manz-Kozár, Philipp Otto, Philipp von Schön-Angerer und Martin Valdeig mit sichtlicher Freude am Dadaistisch-Absurden. (…)
Regisseur Knödler gelingt es in seiner Textcollage gut, fast die ganze Widersprüchlichkeit jener Zeit einzufangen: den verzweifelten Aufbruch der Künste und den Einbruch der Menschlichkeit, das ‚kindisch lärmende Land‘ und den Himmel, an dem die Sterne zerbrechen. Parallelen zur Gegenwart ergeben sich dabei wie von selbst – nicht nur, was das zerstrittene Europa betrifft, und selbst dann ohne erhobenen Zeigefinger, wenn es um die Flüchtlinge geht (…). Das Ensemble inklusive des musikalischen Direktors Claußner spielt den Totentanz in vielen Kostümen und einer Choreographie, die die Aufmerksamkeit der Zuschauer auch dann wach hält, wenn es der Textfolge an einem zerknitterten roten Faden oder an innerer Spannung fehlt. (…) Fast jeder hat seinen solistischen Augenblick, in dem Komik, Ernst und Trauer dicht beieinander liegen. Nebenher und über allen malt Ronald Münch, was leider nicht von allen Zuschauerplätzen aus sichtbar ist.
(…) Obwohl die Schauspieler anfangs dem Volk attestieren, dass es ‚nicht weiß, was es will‘, bekräftigen sie am Ende fast nebenher ‚um den Menschen handelt es sich‘ und darum, ‚etwas glücklich‘ zu sein. Was dem ‚Patriotismus’ im Untertitel des Programms auf angenehme Weise eine sehr humane Farbe gibt. Der Abend vergeht anregend-kurzweilig zwischen ‚Banalitäten und Weisheiten‘, kann die Menschen zwar nicht von der ‚Sinnlosigkeit erlösen‘, aber vielleicht den Anstoß geben, es doch mal selbst zu versuchen. Es gab viel Applaus bei der Premiere (…).

Matthias Zwarg

Der „Stadtstreicher“ schreibt in Ausgabe 01/2018

Europa 1917 – mitten im Ersten Weltkrieg, der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts. (…) Der erste industrialisierte Krieg wurde für das Kaiserreich zum Untergang mit tausenden Kriegstoten, Hungertoten, Invaliden, psychisch Kranken… Und die Künstler reagierten. (…) Die Avantgarden schworen der autarken Kunstproduktion ab und warfen ihre Leidenschaft mitten in die gesellschaftliche, politisch-soziale Realität. Ein Paradigmenwechsel, den das Schauspiel Chemnitz nun, hundert Jahre später, in einer szenischen Collage erlebbar macht. Regisseur Carsten Knödler bedient sich dafür aus Texten und Liedern, Gedichten und Pamphleten von Paul Klee, Wassily Kandinsky, Franz Marc, Else Lasker-Schüler, George Grosz, Hans Arp, Kurt Schwitters und Hugo Ball, schickt acht Spieler, eine Tänzerin, einen Musiker und einen auf der Empore versteckten Maler in den Kampf um die künstlerische Relevanz. Und sie gewinnen ihn.
Galt die Montage damals als probates Mittel, um den beschleunigten Lebensrhythmen zu entsprechen und im Bruchstückhaften den Antagonismen der Zeit einen Ausdruck zu verleihen, so wird die lose Textfolge in dieser Inszenierung zum Ritt durch die zerrissene Welt. Dabei brachte der Dadaismus am konzentriertesten und extremsten zum Ausdruck, wie sich das Kriegserleben in das Kunstschaffen übersetzte. Im Ringen darum, die Kunst unmittelbar in das Leben zu werfen, entledigte sich Dada jeglicher Ideologie und entwurzelte die Logik. Im heutigen Erleben ein amüsantes Spektakel, doch in der Folge der schaurig-poetischen Kriegsszenen, die dem voran gehen, gerät die Cabaret-Bühne geradewegs zur Therapiesitzung für geschundene Seelen. Doch wie immer sich die Texte und Bilder im Kopf der Zuschauer fügen, deutlich spürbar bleibt die Leere, mit der das einst kollabierte Europa zu kämpfen hatte. Und Ausstatterin Teresa Monfared findet dafür ebenso unwirtliche wie experimentelle Räume. Platz fürs Himmelhochjauchzen und die tiefe Depression, ausgefüllt von einem sehr spielfreudigen Ensemble, wobei drei Szenen ganz besonders im Gedächtnis bleiben: Wenn die zarte Eszter Manz-Kozár mit Gasmaske den starken Martin Esser zu Boden tanzt, wenn Andreas Manz-Kozár zur Travestie ansetzt und – weil’s so komisch ist, wenn Philipp von Schön-Angerer die Robbe macht.

Jenny Zichner

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