Und über uns der große Wagen
Garagengeschichten von Frauen aus Chemnitz
URAUFFÜHRUNG
Unzählige Garagenkomplexe, Einzelgaragen wie auch kleinere und größere Höfe, prägen einen nicht unwesentlichen Teil des Stadtbildes in Chemnitz. Zu DDR-Zeiten oder früher kollektiv erbaut, zeugen sie noch heute von persönlichen Erinnerungen und Lebenswegen vieler Chemnitzer:innen. Doch wie schaut die nächste Generation – die der Töchter und Enkelinnen – auf dieses Erbe der Eltern und Großeltern? Wie nutzen und upcyceln sie diese Räume? Und was passiert mit den alten Geschichten, Erfahrungen und Dingen?
In einer theatralen Wunderbox werden sie zerlegt und neu zusammengesetzt, mit Ideen und Zukunftsvisionen bespannt. Aber Obacht: Manche Wände lassen sich nicht einfach herausnehmen, sonst fällt alles zusammen.
Wie funktioniert Veränderung und wohin mit dem Bedürfnis nach Kontinuität? Ausgehend von Recherchen und Interviews mit Garagenbesitzer:innen aus Chemnitz arbeiten Julia Brettschneider und ihr Ensemble mit den Mitteln des Materialtheaters, Textfragmenten sowie performativen und musikalischen Elementen, lassen Träume und Lebensentwürfe in der Inszenierung durcheinanderwirbeln, sich neu verknüpfen und in einer Garagensommernacht ineinanderfließen. Und über allem: Der große Wagen, bunte Lichterketten und ein einsamer Cowboy mit seiner Musik.
Vom 23. bis 30. August 2025 bespielte das Ensemble für fünf Open-Air-Vorstellungen den Garagenblock am Kulturhaus Arthur. Seit 4. Oktober 2025 ist die Produktion auf der Figurentheaterbühne im Spinnbau zu sehen.
In Kooperation mit dem Flagshipprojekt #3000Garagen der Kulturhauptstadt Europas Chemnitz 2025
Ein Projekt im Rahmen der Kulturhauptstadt Europas Chemnitz 2025. Diese Maßnahme wurde mitfinanziert durch Steuermittel auf der Grundlage des vom Sächsischen Landtag beschlossenen Haushaltes und durch Bundesmittel der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien sowie durch Mittel der Stadt Chemnitz.
Stimmen
Im Hausboot des Osten
Maurice Querner | Freie Presse | 25.08.2025
[Das Stück] fragt: Wie funktioniert Veränderung, wohin mit dem Bedürfnis nach Kontinuität? In der performativen Mischung aus Materialtheater, Textfragmenten und Tanz wirbeln Träume und Lebensentwürfe durcheinander. Brettschneider singt: „Stell dir vor, du erbst eine Garage …“ – und schon entstehen Fantasien und Fragen: Büchergaragen, Garagenbands, Garagensalons. Aber halten die Mauern das aus, oder stürzt alles ein, wenn Wände entfernt werden? „Und über uns der große Wagen“ ist ein Scharren, Wühlen, Zerlegen in der Erinnerungskiste. Mal poetisch, mal grotesk, mal ironisch gebrochen. Gerade in seiner Unfertigkeit steckt die Kraft – ein Abbild des Themas selbst: Die Garage ist nie nur Garage. Sie ist Lagerraum der Geschichte, Projektionsfläche für Sehnsucht, Trauma, Kontinuität.
Garagentreff
Anna Hoffmeister | Theater heute | 11/2025
Die Schauspielerinnen agieren zwischen und wütender Energie. Während Brettschneider am Rand steht und davon berichtet, wie sie die Garage ausräumt und die versteckten Habseligkeiten entdeckt, ziehen und zerren die übrigen Schauspielerinnen am eingepackten Holzgerüst, um es zu öffnen. Irgendwann zerschneiden sie das band, das die Garage so lang verschlossen hielt. Dabei geht es nicht nur um die Vergangenheit, sondern auch um die Zukunft. Selbst wenn das Publikum den großen Wagen an diesem Abend nicht erblicken kann, würde das Dach der Garage doch sicher einen guten Ausblick bieten? Denn die Garagen, das zeigt Brettschneider in ihrem Text, waren weit mehr als nur Parkplätze für Trabis. Und könnten noch so viel mehr sein.