Feiern mit Beethoven!
Konzert zum Tag der Deutschen Einheit
Der titelgebende römische Feldherr Coriolan wird verbannt. In einer Hungersnot hatte er überlebenswichtige Güter zurückgehalten, um das Volk zu nötigen und so seine vollen Rechte als General zurückzuerlangen. Der Versuch scheitert, Coriolan wird verbannt und schmiedet aus Rache mit den Feinden Roms, den Volskern, Pläne für einen gemeinsamen Angriff auf seine Heimatstadt. Doch bevor es dazu kommt, bringen ihn seine Ehefrau und seine Mutter mit ihrem dringlichen Bitten von diesem Vorhaben ab. Am Ende stürzt sich Coriolan aus Scham vor seiner Mitwelt in sein Schwert.
Beethoven kannte die Geschichte in der Fassung des Wiener Hofsekretärs und Dichters Heinrich Joseph von Collin, dessen Trauerspiel 1802 entstand und 1805 am Wiener Burgtheater uraufgeführt wurde. Komponiert 1807, schrieb er sie nicht als Bühnenmusik für eine Aufführung, sondern für den Konzertsaal. Sie erklang erstmals im März 1807 in einem privaten Konzert im Wiener Palais des Grafen Lobkowitz, ein passionierter Beethoven-Förderer, dem auch die vierte Sinfonie gewidmet ist. Damit gehört sie zu den frühen Beispielen der Konzertouvertüre, die ein ganzes Drama in wenigen Minuten verdichtet. Beethoven verzichtet auf die äußere Handlung und zeichnet stattdessen den inneren Konflikt.
Die Ouvertüre beginnt mit wuchtigen Unisono-Schlägen, die von Pausen zerrissen werden, und wendet sich dann zu einem aufgewühlten, trotzigen ersten Thema, dem Sinnbild von Coriolans unbeugsamem Stolz. Dem steht ein zweites, sanft bittendes Thema gegenüber, das man mit dem Widerstand der Mutter und der Ehefrau verbinden kann. Beide Themen ringen miteinander und das lyrische gewinnt zunehmend an Gewicht, ohne dass es eine echte Versöhnung gäbe. Beethoven setzt den Selbstmord nicht durch ein tyrannisch-dramatisches Finale in Szene, sondern durch ein langsam ersterbendes Unruhemotiv. Es zerfällt in immer kürzere Fragmente, und am Ende bleiben kaum hörbare Pizzicatotöne, bis nur noch Stille übrig ist. Das Ende ist kein Triumph und keine Katastrophe, sondern ein Verlöschen, und gerade darin liegt seine Wirkung.
Der Abend führt von dieser Stille in eine völlig andere Welt. Die achte Sinfonie, die den zweiten Teil des Abends bildet, öffnet die Tür ins Helle. Beethoven schrieb sie 1812, im selben Sommer wie auch seine Siebte, in Teplice und Linz. Das Publikum war von der neuen Sinfonie weniger begeistert, als Beethoven es sich erhofft hatte. Er soll darauf, so die Überlieferung, mit dem Hinweis reagiert haben, sie sei eben viel besser als die Siebte. Die Achte, von Beethoven selbst als „die kleine Sinfonie in F“ bezeichnet, ist die humorvollste und spielerischste seiner Sinfonien. Sie blickt mit einem Augenzwinkern auf Haydn zurück und verwandelt die klassische Form in ein Spiel mit Erwartungen.
Der zweite Satz, ein Allegretto scherzando, tickt wie ein Metronom, und die Legende, er sei ein Scherzkanon auf den Erfinder Johann Nepomuk Mälzel, hält sich hartnäckig, ist aber nicht sicher belegt. Der dritte Satz greift auf das, in Beethovens Zeit als „altmodisch“ betrachtete Menuett zurück, und der Finalsatz überrascht mit ausgelassenen Ausbrüchen und einem Schluss, der sich kaum entscheiden will aufzuhören. Wo die Ouvertüre schweigt, lacht die Sinfonie.
Beide Werke entstanden in Zeiten politischer Umbrüche, während der Napoleonischen Kriege, als Grenzen, Loyalitäten und Ordnungen in Bewegung waren. Beide handeln, jedes auf seine Weise, von einem Aufatmen nach der Bedrohung. Die Coriolan-Ouvertüre erzählt von einem Mann, der die eigene Stadt mit Gewalt zurückerobern will und im entscheidenden Moment von den Bitten seiner Familie zurückgehalten wird. Die Ouvertüre übermittelt die Botschaft, dass Verständigung und Verzicht auf Gewalt stärker sein können als Rache. Das ist ein Gedanke, der an die Friedliche Revolution von 1989 erinnert, die ohne Blutvergießen zum Fall der Mauer und schließlich zur Wiedervereinigung führte. Die achte Sinfonie antwortet darauf mit Heiterkeit, Leichtigkeit und dem Gefühl, dass nach der Anspannung wieder Raum für Freude ist. Die Spannung zwischen Trotz und Versöhnung, über das Verstummen der Gewalt bis zum befreiten Lachen. Das Konzert lädt dazu ein, den Feiertag nicht nur als Rückblick zu begehen, sondern auch als Erinnerung daran, was eine Gemeinschaft zusammenhält.
Ludwig van Beethoven
Coriolan – Ouvertüre op. 62
Sinfonie Nr. 8 F-Dur op. 93
I. Allegro vivace e con brio
II. Allegretto scherzando
III. Tempo di Menuetto
IV. Allegro vivace