Ein nacktes Ohr am Hasenbein der Liebe
ODER WIE MAN WIDER WILLEN KLÖTZE FLOHT
Farce von Rebekka Kricheldorf | Deutsche Erstaufführung
Der Ort: Ein WG-Wohnzimmer. Die Stimmung: verkatert. Louise und ihr Mitbewohner Momo bekommen Besuch. Durch die eingetretene Tür (der Schlüssel wurde leider verlorsoffen) kommt nicht nur der Lieferando-Män mit 500 Rollmöpsen im Gepäck (die Bestellung war ein Missverständnis), sondern auch Louises beste Freundin Amelie. Diese hat sich gerade unsterblich in Hannes Schlumberger verliebt, Verhaltenspsychologe und Autor des Vortrags „Bindungsprobleme und ihre Lösung – wie kriege ich den Skischuh ab?“. Doch da Louise selbst an Hannes Gefallen findet und der Sis Code es verbietet, dem gleichen Mann nachzustellen wie die beste Freundin, muss schleunigst ein anderes Love Interest für Amelie organisiert werden. Ein turbulentes Unterfangen: Ein 7-Gänge-Candlelight-Lunch, einen missglückten Abenteuertrip und eine Begegnung mit verirrten Furrys später kommt es zum Show Down im Romantikhotel Rosenstolz. Und wer bezahlt jetzt eigentlich die 500 Rollmöpse?
Rebekka Kricheldorf spielt lustvoll auf der Klaviatur der Farce und transportiert sie gekonnt ins 21. Jahrhundert. Marc-Uwe Kling würde sagen: Frisch, frech und völlig absurd!
Digitales Programmheft
Kricheldorfs Einladung zu heiterem Spektakel
Wir alle spielen Theater. Das wusste nicht nur Erving Goffman, das wusste schon Shakespeare.
Und die Weltbühne kann bisweilen ein ziemlicher Irrgarten sein. Bei Rebekka Kricheldorf verheddern sich die Figuren (16 an der Zahl, gespielt von vier Personen) in ihren Identitäten genauso wie im (Rollen)spiel des Liebeslebens. Missverständnisse, Dreiecksgeschichten und irregeleitete sexuelle Energie – in bester Boulevardtradition schreibt Kricheldorf höchst unterhaltsame Verwicklungen und nimmt eine wohlstandverwahrloste Bourgeoisie von heute aufs Korn. Dass dabei so manches Mal der französische Vaudeville-Autor Georges Feydeau mit dem Zaunpfahl zu winken scheint (Spoiler: er ist nicht der einzige), ist kein Zufall: Kricheldorf schöpft mit Vorliebe aus allem, was sie inspiriert, um daraus etwas Neues zu kreieren. Sie „verwurstet“ literarische Klassiker, Mythen und Märchen genauso wie Popkultur und Comics und schreibt dabei vor allem, um sich selbst „bei Laune zu halten“. Sie möchte weder erklären noch belehren, sondern im Gegenteil „Gewissheiten ins Wanken [...] bringen“, auch bei sich selbst.
In der Komik sieht Kricheldorf dabei eine ganz besondere Kraft: Der Eindeutigkeit, dem Schubladen- und Schwarz-Weiß-Denken mit bunter Absurdität und lustvollem Spektakel zu begegnen, ja, sie im Lachen aufzubrechen. Kricheldorf zelebriert so auf moderne Art, was Michail Bachtin schon im mittelalterlichen Karneval entdeckte: die Möglichkeit, „das ganze offizielle System mit allen seinen Verboten und hierarchischen Schranken zeitweilig außer Kraft [zu setzen].“ Die Verbote und Schranken von heute mögen weniger offiziell, weniger sichtbar sein als im Mittelalter, doch sie existieren genauso. Seien es die Zwänge des Alltags oder der eigenen Vorstellung, die Komik bietet eine Möglichkeit des Ausbruchs. Sie schafft Raum für „Mesaillancen“, in dem sich vermengen und verbinden kann, was sonst getrennt ist. Sie schafft Raum für Ambivalenz, für Mehrdeutigkeit und Widerspruch. Vor allem ist sie aber eine Erinnerung, die Welt und sich selbst nicht zu ernst zu nehmen: Es darf gelacht werden, über alles und jeden. Mit Bachtin gesprochen ist das Lachen der „Sieg über die moralische Furcht“. Was vordergründig als banaler Slapstick, klassischer Boulevard oder auch intellektuelle Taschenspielerei erscheinen mag, birgt so in sich das Potenzial einer „utopischen Freiheit“, indem das Bewusstsein aufgehellt und die Welt auf eine neue Weise geöffnet wird – und diese plötzlich wieder Schauplatz und Bühne für Faszination, Sinnlichkeit und Inspiration ist.
Text von Maria Kordasch unter Verwendung von Bachtin, Michail M.: Literatur und Karneval. Zur Romantheorie und Lachkultur. Frankfurt am Main: Fischer 1990, sowie Kricheldorf, Rebekka: Dem Tod ins Gesicht lachen. Ein Plädoyer für Komik und die Feier des Absurden im Theater. Berlin: Alexander Verlag 2022. Titelzitat von Arthur Schopenhauer.
Rebekka Kricheldorf wurde 1974 in Freiburg im Breisgau geboren und lebt heute in Berlin. Dort studierte sie Romanistik an der Humboldt-Universität sowie Szenisches Schreiben an der Universität der Künste. Kricheldorf schrieb zahlreiche Auftragswerke, u.a. für die Staatstheater Stuttgart und Kassel und das Deutsche Theater Berlin, und übersetzte elisabethanische Dramen aus dem Englischen. 2004 war sie Hausautorin am Nationaltheater Mannheim, von 2009 bis 2011 war sie Dramaturgin und Hausautorin am Theaterhaus Jena. Kricheldorf war mehrfach zu den Mülheimer Theatertagen sowie den Autorentheatertagen in Berlin eingeladen und erhielt für ihre Werke u.a. den Kleist-Förderpreis sowie den Publikumspreis des Heidelberger Stückemarkts. 2019 übernahm sie die achte Saarbrücker Poetikdozentur für Dramatik der Universität des Saarlandes. Ihre dort gehaltenen Vorträge sind unter dem Titel Dem Tod ins Gesicht lachen. Ein Plädoyer für Komik und die Feier des Absurdenim Theater im Alexander Verlag Berlin erschienen. 2020 schrieb sie ihren ersten Roman, Lustprinzip.
Im roten Haserl am Rosenstrauch
Da steht das Glück vor der Tür
Und ruft dir zu: Guten Abend
Und ruft dir zu: Guten Morgen!
Guten Abend!
Und ruft dir zu: Guten Morgen!
Tritt ein und vergiss deine Sorgen!
Sonst reimt es sich doch nicht, Herrgottsackra!
Und musst du dann einmal fort von hier
Tut dir der Abschied so weh
Dein Herz das hast du verloren
Im roten Haserl am Stolz.
Wieso Stolz, hä?
Im roten Haserl am Rosenstolz
Da klotzt das Glück an der Tür
Da floht der Klotz an der Tür!
Und ruft dir zu: Guten Morgen
Tritt ein und vergiss deine Sorgen!
Und bringt der Kellner dir süßen Wein
Und stehst du nackt vor der Tür
Hast du dein Herz verloren
Im roten Haserl am Ohr
Kathrin Brune
Stimmen
Warum Sie dieses Stück im Ostflügel sehen müssen
Sarah Hofmann | Freie Presse | 01.02.2026
Ein wilder Mix aus Social-Media-Sturm, Beziehungschaos und 500 Rollmöpsen: „Ein nacktes Ohr am Hasenbein der Liebe“ begeistert das Publikum im Spinnbau. […] Regisseurin Katrin Brune greift den Stoff mit leichter Hand auf, verteilt die mehr als zwanzig handelnden Figuren auf vier Spielende, packt diese in die mit psychedelischer Tapete ausgestattete Bühnenkammer von Ricarda Knödler und entfaltet ein absurdes Liebesverwirrspiel von shakespear’schem Ausmaß. […] Innerhalb weniger Minuten wechseln die Spieler ihre Rollen und Figuren und schaffen es dabei voller Spiellust, jeder einzelnen einen wiedererkennbaren, individuellen Touch zu verleihen. […] Der Musiker Bernd Sikora kommentiert das gesamte Geschehen live an Schlagwerk und Synthesizer, schafft und verstärkt Stimmungen und treibt die Absurdität der Handlung auf die Spitze. So entsteht ein filmisches – oder vielleicht eher serienähnliches – Setting.