Die Reise von der Erde zum Mond
Raumfahrt-Satire nach den Romanen von Jules Verne
Bühnenfassung von Agnieszka Jabłońska und Tilo Krügel
STUDIOINSZENIERUNG
1865 schrieb Jules Verne eine seiner berühmten Abenteuergeschichten: Drei Männer (und ein Hund) fliegen in einer Kanonenkugel zum Mond. 2026 flogen drei Astronaut:innen um den Mond und entfernten sich weiter als je ein Mensch zuvor von unserem Heimatplaneten. Die damalige Fiktion und die heutige Realität sind durchwoben von den gleichen Fragen: Was ist unser Platz im Kosmos? Was verbindet uns mit der Erde? Wer sind wir fernab von Grenzkonflikten und Ressourcenstreit? Warum zieht es uns hinaus in den Kosmos?
In einer Mischung aus Satire und Sound, Philosophie und Bildgewalt verwebt die diesjährige Studioinszenierung Jules Vernes Weltraumabenteuer mit Gedanken zum Kosmos und persönlichen Standpunkten der Studierenden, um den großen Fragen des Lebens nachzugehen.
** Student der Filmuniversität Babelsberg "Konrad Wolf"
*** Studentin der Hochschule für Musik und Theater Rostock
Digitales Programmheft
Jules Verne ist vor allem bekannt für seine Abenteuergeschichten: Die Reise zum Mittelpunkt der Erde, In 80 Tagen um die Welt und 20.000 Meilen unter dem Meer erzählen von mutigen Männern (weniger von Frauen), die immer wieder gefährliche Reisen an unbekannte Orte unternehmen und heroisch zurückkehren. Dabei waren sie ihrer eigenen Zeit, dem späten 19. Jahrhundert scheinbar weit voraus. Vor allem deshalb kann man immer wieder lesen, dass Jules Verne der Erfinder der Science-Fiction war (oder zumindest einer ihrer Erfinder). Doch das stimmt nicht – und das nicht nur, weil die Science-Fiction je nach Definition ein schon viel älteres Genre ist. Schon der Astronom und Mathematiker Johannes Kepler, mit dessen Gesetzen wir noch immer die Planetenbahnen beschreiben, schrieb 1608 in seinem Traum von einer Reise zum Mond. Und schon im 2. Jahrhundert unserer Zeitrechnung schrieb Lukian von Samosata seine Wahre Geschichte über eine Reise durch den Weltraum, inklusive außerirdischer Lebensformen und Weltraumschlachten. Der Mensch kann also offenbar gar nicht zum Mond schauen, ohne sich zu überlegen, wie es wäre, dorthin zu fliegen.
Eine andere Definition der Science-Fiction sieht sie als Projektion in die Zukunft. Und Jules Verne hat mit seinen beiden Mondromanen tatsächlich erstaunlich präzise einige Aspekte der realen Raumfahrt vorhergesagt: Er traf den richtigen Startpunkt (Florida), er berücksichtigte Fluchtgeschwindigkeit und Reibung der Atmosphäre – und vor allem spickte er seinen Roman mit jeder Menge astronomischer Fakten, die (größtenteils) dem aktuellen Stand der Forschung zum Ende des 19. Jahrhunderts entsprachen. Und dies war kein Zufall.
Vernes Herausgeber und größter Förderer war Pierre-Jules Hetzel. Dieser verlegte ein Magazin, das Magasin illustré d’éducation et de récréation (Illustrierte für Erziehung und Erholung). Es handelte sich dabei um ein Magazin, das speziell für junge Menschen gedacht war und ihnen durch spannende Geschichten Wissen und Werte vermitteln sollte. Verne schrieb seine Romane speziell für dieses Magazin, in dem sie seriell veröffentlicht wurden, und ließ sich auch stilistisch stark von Hetzel beeinflussen. Bis heute ist nicht ganz klar, wer den größeren Anteil am Erfolg der Geschichten hatte. Doch scheint sich Verne zumindest in der langfristigen Wahrnehmung durchgesetzt zu haben, denn heute ist er eben vor allem als Autor von Abenteuergeschichten bekannt – weniger als Vermittler von wissenschaftlichem Wissen.
Von allen Vorhersagen, die Jules Verne in seinen Mondromanen tätigt, mag vor allem eine überraschen: Das Mondprogramm seiner Romane ist nicht eine Konsequenz aus Wissensdrang und Abenteuerlust (jedenfalls nicht gänzlich) sondern vor allem die Folge eines beendeten Krieges: Der im amerikanischen Bürgerkrieg gegründete Gun-Klub zu Baltimore hat in Friedenszeiten seine Daseinsberechtigung verloren. Frustriert sitzen seine Mitglieder (den meisten fehlen ein paar Gliedmaßen) zusammen und sinnieren darüber, was die Lösung aus der Friedens-Misere sein könnte. Kann man vielleicht Waffen für die Europäer produzieren, die doch bestimmt bald wieder irgendeinen territorialen Krieg führen werden? Soll man vielleicht selbst jemanden angreifen? England oder Frankreich? Oder vielleicht Mexiko annektieren? Die Parallelen zur Gegenwart sind unverkennbar und beängstigend. Doch der Vorsitzende des Gun-Klubs hat eine bessere Idee – man wird eine riesige Kanone bauen und ein Projektil auf den Mond schießen.
Dass die Apollo-Missionen, die 1969 schließlich mit Apollo 11 zur ersten Mondlandung geführt haben, ein Ergebnis des Kalten Krieges sind, dürfte allgemein bekannt sein. Die USA und die UdSSR lieferten sich ein Rennen um die Vorherrschaft im Weltraum. Und auch hier ging es nicht um Abenteuer oder Erkenntnis: Wer die Umlaufbahn kontrolliert, kann aus dieser auch Atomwaffen auf den Gegner werfen, kann den Gegner von oben ausspionieren. Kann alles sehen, ohne selbst gesehen zu werden. Sputnik 1, der piepende Satellit, der uns heute ein bisschen niedlich vorkommt, war damals ein Schock für die Vertreter der USA.
Doch nicht nur die Angst vor kommenden Kriegen dominierte den Wettstreit zum Mond. Die Technologie, auf der die Trägerraketen aufbauten, wurde nicht in den 50er und 60er Jahren entwickelt – sie stammte aus den Forschungszentren der Nationalsozialisten. Und zwar nicht nur theoretisch: Sowohl die Amerikaner als auch die Sowjets haben unfertige und beschädigte Raketen aus dem besetzten Deutschland mitgenommen, die als Vernichtungswaffen gedacht waren – und die Raketenforscher, die sie gebaut hatten, gleich dazu. Der bekannteste von ihnen ist sicher Wernher von Braun, der nach dem Zweiten Weltkrieg viele Jahre für die NASA gearbeitet hat. Doch auch in Russland arbeiteten deutsche Raketenbauer.
Sind also Raumfahrt und Kriegsführung zwei Seiten der gleichen Medaille? In gewisser Weise schon, denn es ist ein weiteres Beispiel für die Tatsache, dass Technologie an sich in der Regel weder gut noch böse ist. Die gleiche Technologie, die im Zweiten Weltkrieg vernichtende Bomben hervorbrachte, schickte auch den ersten Menschen in den Weltraum – und erweiterte damit unsere Perspektive auf die Welt. Dass der Wandel von Kriegswaffe zu Forschungsschiff nicht dauerhaft war, das wird uns heute wieder klar. Doch die positive Sicht auf die Sachlage ist: Wir sind in der Lage unseren Forschergeist und unsere Abenteuerlust für Gutes zu nutzen. Wir müssen es halt nur tun.
Seit der erste Mensch unseren Planeten in Richtung Weltraum verlassen hat, hat eine Veränderung stattgefunden. Unsere blauer Planet scheint kleiner geworden zu sein. Was uns die ganze Menschheitsgeschichte über als die ganze Welt vorgekommen ist, wird plötzlich zu einem blassen blauen Punkt inmitten des großen schwarzen Nichts des Universums. Dieser Perspektivwechsel hat das Potential, grundlegend etwas daran zu ändern wie wir uns und unseren Platz im Universum betrachten.
In der Raumfahrt ist der Begriff des Overview-Effekts bekannt. Dabei handelt es sich zunächst einmal um die persönliche Erfahrung eines jeden Raumfahrenden, der zum ersten Mal unseren Heimatplaneten aus dem Weltraum erblickt. Die meisten von ihnen haben (völlig unabhängig von der Zeit ihres Raumflugs und von ihrer Nationalität) ähnliche Eindrücke berichtet, die in eben jenem Overview-Effekt zusammengefasst werden. Dazu zählt neben der Erkenntnis, dass die Erde nur ein kleiner Teil eines viel größeren Kosmos ist, vor allem eine Sicht auf die Erde als Ganzes und eben nicht in Nationalstaaten und Territorien Unterteiltes. Der Perspektivwechsel, die neue Draufsicht bewirkt, dass alle Gründe für Konflikte völlig bedeutungslos werden.
Offenbar sind wir also zu nah dran. Zu nah dran an den Konflikten, an den Grenzen, an den Unterschieden zwischen uns. Die gute Nachricht ist: Wir müssen nicht erst in den Weltraum fliegen, um diese Erkenntnis zu erlangen. Fast ebenso effektiv sind die Berichte derjenigen, die das große Privileg hatten, unser aller Heimat als Ganzes zu sehen. Wir am Boden Gebliebenen müssen ihnen nur vertrauen, wenn sie uns sagen, dass wir auf einer wunderschönen Welt leben, die von sich aus keine Grenzen kennt, die uns allen gehört und uns alle am Leben erhält – wenn wir sie nur lassen.
Stimmen
Kraftvoll-poetisches Plädoyer in Chemnitzer Studioinszenierung für den blauen Planeten
Matthias Zwarg | Freie Presse | 03.10.2026
Die Raumfahrt-Satire ´Die Reise von der Erde zum Mond´, die so satirisch gar nicht ist, nimmt in einer Bühnenfassung von Agnieszka Jabłonska und Tilo Krügel, der auch Regie führt, Motive aus Jules Vernes Romanen auf, um sie in einem weiten Bogen beeindruckend, teils erschreckend in die Gegenwart zu führen. […] Die vier […] agieren allesamt futuristisch blond, kalt und silbern kostümiert in einem effektvoll beleuchteten Bühnenbild, tragen Gegenstände hin und her, die Grenzen setzen oder aufbrechen.