Der Krieg mit den Molchen
Satire nach Karel Čapek
Bei seiner Suche nach Perlen auf den Manihiki-Inseln macht Kapitän Van Toch eine seltsame Entdeckung: Aufrecht gehende, intelligente Molche, die sein Verhalten nachahmen. Schnell wittert Van Toch seine Chance: Er bringt den Tieren das Sprechen bei und nutzt sie für die Perlenfischerei. Und das ist erst der Anfang. Denn die Molche lernen schnell, entpuppen sich als tüchtig, eifrig, anspruchslos. Während die Wissenschaft noch staunt, beginnt so eine groß angelegte Nutzung ihrer Arbeitskraft. Bis sich das Blatt schließlich wendet: Die sich rasant ausbreitenden Molche rebellieren. Auf der Suche nach neuem Lebensraum sprengen sie ganze Kontinente, das Festland weicht, das Wasser steigt. Zwischen Mensch und Molch entbrennt ein Kampf um die Vorherrschaft der Erde.
Karel Čapek gehört zu den wichtigsten tschechischen Autoren des 20. Jahrhunderts. In seinen Werken setzte er sich kritisch mit autoritären Herrschaftsformen und neuen Formen der Intelligenz auseinander und zählt so zu den ersten Vertretern der Science-Fiction-Literatur. Sein 1936 erschienener Roman hat in seiner humorvollen Hellsichtigkeit bis heute nichts an Aktualität eingebüßt.
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Von Molchen und Menschen
„Wenn eine andere Art von Lebewesen als der Mensch diese Stufe erreicht hätte, die wir Zivilisation nennen, was meinen Sie: Hätte sie den gleichen Unsinn gemacht wie die Menschheit? Hätte sie die gleichen Kriege geführt? Hätte sie die gleichen historischen Katastrophen durchgemacht? Und wie würden wir den Imperialismus der Eidechsen, den Nationalismus der Termiten, die ökonomische Expansion der Möwen oder der Heringe betrachten? Was würden wir sagen, wenn eine andere Gattung von Lebewesen als der Mensch verkündete, angesichts ihrer Bildung und ihrer Zahl habe nur sie das Recht, die ganze Welt zu besetzen und das Leben zu beherrschen?“
Diese Fragen waren für Karel Čapek der Ausgangspunkt für seinen Roman Der Krieg mit den Molchen. Sie rütteln an etwas, das wir Menschen gern als ehernes Gesetz betrachten: der Vormachtstellung unserer Spezies. Seit über 2.000 Jahren sieht sich der Mensch als Krone der Schöpfung, lautet der Auftrag in der Genesis doch: „Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alles Getier, das auf Erden kriecht.“ Über die Jahrhunderte hat sich daraus eine Realität ergeben, die deutliche Spuren hinterlässt: Landwirtschaft, Viehzucht, die Auswirkungen der Industriellen Revolution und neuere biotechnologische Eingriffe in Flora und Fauna sorgen für nachhaltige Veränderungen im globalen Ökosystem. Der Einfluss des Menschen auf die Umwelt ist so stark, dass Wissenschaftler:innen vorschlagen, von einem neuen Erdzeitalter zu sprechen, dem „Anthropozän“.
Was würde nun also passieren, wenn eine andere Spezies dem Menschen diese Machtposition streitig machte? Der Historiker Yuval Noah Harari glaubt, dass wir damit nur schwer umgehen können: „Wir glauben gern, dass in Zukunft Menschen wie wir in Raumschiffen von einem Planeten zum anderen düsen. Wir denken nicht gern darüber nach, dass es in Zukunft keine Wesen mit unseren Emotionen oder Identitäten mehr geben könnte und dass fremde Lebensformen an unsere Stelle treten, die uns mit ihren Fähigkeiten weit in den Schatten stellen.“. In Čapeks Roman genügt die bloße Nachahmung, um dem Menschen Konkurrenz zu machen: Binnen kürzester Zeit eignen sich die Molche all das an, wofür der Homo sapiens 300.000 Jahre gebraucht hat. Čapek führt uns vor Augen, was passieren könnte, wenn sich eine andere Spezies „einfach nur“ unser Verhalten abguckt und uns so behandelt wie wir sie. Wenn uns dieses Szenario Angst macht – sollte uns das nicht zu denken geben?
- Zit. nach Thiele, Eckhard: Karel Čapek. Leipzig: Philipp Reclam Junior 1988, S. 285.
- 1. Mose 1, 28.
- Harari, Yuval Noah: Eine kurze Geschichte der Menschheit. Aus dem Englischen von Jürgen Neubauer. München: Deutsche Verlags-Anstalt 2013, S. 503.
„Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt [...] wissen, wissen wir durch die Massenmedien.“ Dieses Zitat von Niklas Luhmann scheint 30 Jahre nach seiner Formulierung nichts an Gültigkeit verloren zu haben: Laut der Analyse des Verbands Privater Medien (VAUNET) lag die durchschnittliche Mediennutzung in Deutschland im Jahr 2025 bei knapp 11 Stunden täglich. Radio und Fernsehen erfreuen sich dabei trotz digitaler Medien anhaltender Beliebtheit: 86% der Deutschen sehen regelmäßig fern, 92% hören regelmäßig Radio. Damit prägen Medien unsere Wahrnehmung der Welt. Zwar zeigen Studien immer wieder, dass Medien nicht ursächlich für persönliche Einstellungen verantwortlich sind, sondern eher bestehende Ansichten verstärken. Doch durch die Auswahl der Inhalte bestimmen sie, welche Themen öffentlich stattfinden und diskutiert werden. Das sogenannte Agenda Setting gibt also eine Gewichtung vor und beeinflusst langfristig das Wissen.
Als Journalist wusste Karel Čapek um die Macht der Medien. In seinem Roman Der Krieg mit den Molchen werden die Entwicklungen rund um die Molche vor allem durch die Printmedien thematisiert und befeuert. Patrick Wudtke übersetzt dies in das Medium Fernsehen und in eine Zeit, in der dieses eine neue Wirkkraft entwickelte: Es sind die 1980er Jahre, das Jahrzehnt, in dem in der BRD das Privatfernsehen Einzug hielt. Alles wird bunter, schriller, schneller. Es ist auch die Zeit, in der der Medienwissenschaftler Neil Postman warnt: Wir amüsieren uns zu Tode! Das Fernsehen orientiere sich immer mehr am Showbusiness, selbst Nachrichtensendungen verkämen bestenfalls zu Infotainment, da der Unterhaltungswert bei allem im Mittelpunkt stehe. Die thematisierten Ereignisse besäßen vielleicht Sensationswert, aber es gebe keine Dringlichkeit, selbständig denkend und handelnd auf sie zu reagieren.
In Bezug auf die Molche treffen Postmans Thesen zu: Im Kampf um Aufmerksamkeit und Einschaltquoten stürzen sich die unterschiedlichen Sender und Formate auf die neuesten Entwicklungen rund um die Molche. Sie sind Dauerthema, auf allen Kanälen wird über sie berichtet – doch trotz Talkshows und Nachrichten wird die tatsächliche Gefahr, die von ihnen ausgeht, nicht erkannt. Die Menschen sind – wie Byung-Chul Han es in Weiterführung auf Postman formuliert – „zwar gut informiert, aber orientierungslos“. Oder, um es mit den Worten von Andrej Tarkowskij zu sagen: Sie schauen nur, aber sie sehen nicht.
- Luhmann, Niklas: Die Realität der Massenmedien. Opladen: Westdeutscher Verlag 1996, S. 9.
- Han, Byung-Chul: Infokratie. Digitalisierung und die Krise der Demokratie. Berlin: Matthes & Seitz 2021, S. 76.
Der tschechische Autor Karel Čapek wurde am 9. Januar 1890 in Malé Svatoňovice (Nordostböhmen) geboren. Er studierte in Prag, Berlin und Paris Philosophie und arbeitete später als Journalist, Dramaturg und Übersetzer. Sein literarisches Œuvre reicht von Romanen und Erzählungen über Theaterstücke und Gedichte bis hin zu Reisebeschreibungen, Kolumnen und Essays und zeichnet sich durch einen äußerst reichen Wortschatz aus. Als früher Vertreter der Science-Fiction setzte er sich auch mit neuen Formen der Intelligenz auseinander – so geht das Wort „Roboter“ auf sein Theaterstück R.U.R. zurück. Vor allem aber war Čapek ein aufmerksamer Beobachter des Zeitgeschehens und trat immer wieder als Kommentator politischer Ereignisse in Erscheinung. In seiner Villa im Prager Stadtteil Vinohrady traf er sich mit Journalisten und Politikern zu regelmäßigen Gesprächen. Auch zum ersten Staatspräsidenten der Tschechoslowakischen Republik Tomáš Garrigue Masaryk pflegte er eine enge Verbindung und Austausch – später festgehalten im Buch Gespräche mit Masaryk. 1925 war Čapek Mitbegründer und erster Vorsitzender des tschechischen PEN-Clubs. Auch international stand er mit diversen Schriftstellern seiner Zeit in Kontakt, darunter John Galsworthy, Lion Feuchtwanger, H.G. Wells, G.B. Shaw, Heinrich und Thomas Mann (der sich von der Lektüre von Der Krieg mit den Molchen tief beeindruckt zeigte). Čapek wurde insgesamt siebenmal für den Literaturnobelpreis vorgeschlagen, hat ihn jedoch nie erhalten. Am 25.12.1938 erlag er in Prag den Folgen einer Lungenentzündung. Knapp drei Monate später klingelte die Gestapo an seiner Tür, nicht wissend, dass Čapek bereits verstorben war.