Caravaggio oder Die Stille unseres Herzschlages
Ballett von Bruno Bouché
Nicht selten wurde der Maler Michelangelo Merisi da Caravaggio in der Literatur zu einer karikierten romantischen Figur gemacht und damit das Geheimnis und die Kraft seiner Malerei reduziert. Doch während das Enfant terrible des Barock inmitten von Schatten und Leibern arbeitet, offenbart er eine beispiellose menschliche Tiefe, sowohl philosophisch als auch spirituell. Wie lässt sich die lebendige Geste, diese erzählerische, sinnliche, gewalttätige, zarte und grausame Kraft erklären? Insbesondere diese Einsamkeit und Stille, zu der seine Malerei führt?
Bruno Bouché, künstlerischer Leiter des Balletts der Opéra national du Rhin, spürt diesen Fragen in seiner Choreografie für das Ballett Chemnitz nach. „Meine choreografischen Kreationen manipulieren archetypische Bilder, um sie durch das Zeichnen von Körpern im Raum in Bewegung zu versetzen. Caravaggio oder Die Stille unseres Herzschlages soll kein choreografisches Biopic sein, sondern Verbindungen schaffen zwischen seinen Werken und den Körpern der Tänzer und Tänzerinnen – soll die Schwingungen übertragen in ihre Bewegungen.“
Das Ballett Chemnitz auf Gastspielreise
Kurz nach der Premiere wird das Ballett Chemnitz mit Caravaggio oder Die Stille unseres Herzschlages auf Gastspielreise gehen. Die Choreografie von Bruno Bouché zur Musik von Julien Lepreux wird Ende März sowohl an zwei Abenden in der Partnerstadt Mulhouse als auch in drei Vorstellungen an der Opéra de Strasbourg zu sehen sein. So stellt sich unsere Company dem französischen Publikum mit einem bewegenden Werk vor, das mit der Körperlichkeit und der spirituellen Tiefe Caravaggios spielt.
Stimmen
„Caravaggio“ von Bruno Bouché: Lebendige Gemälde
Olivier Frégaville-Gratian d'Amore | coupsdoeil.fr | 26.03.2026
Bruno Bouché sucht weder eine Hagiografie noch eine bloße Nacherzählung, sondern will das Werk eines Lebens zwischen Genie und Ausschweifung verkörpern und zum Leben erwecken. […] Der Zuschauer wird mitten in die Gemälde hineingezogen […] Die choreografische Geste ist eher reduziert, beeindruckt jedoch durch ihre Präzision. […] Jedes Bild entsteht wie eine malerische Komposition: […] Die Tänzerinnen und Tänzer des Balletts des Theaters Chemnitz erschaffen gemeinsam Bilder, die treffen, innehalten lassen und sich dann wieder auflösen. […] Die gemeinsame Arbeit von Bruno Bouché, seiner Dramaturgin Frédérique Lombart und Romain de Lagarde fängt das ein, was Caravaggios Stärke ausmacht: seine Sinnlichkeit, seine Gewalt, aber auch seine Zärtlichkeit und Einsamkeit. […] Alles folgt hier einer fein gearbeiteten Ästhetik. Licht, Stoffe, Texturen bilden ein kohärentes Ganzes. Kollektive Bewegungen, Läufe, Gleiten verdichten das Fresko weiter. Die Körper durchqueren den Raum wie Pinselstriche.
Caravaggio an der Opéra du Rhin: Die Kunst des Helldunkels
Thomas Hahn | www.transfuge.fr | 01.04.2026
Bruno Bouché führt das Ballett von Chemnitz auf den Spuren des Malers. Tanzen heißt malen! […] Albträumen, Angst vor Verdammnis, Angst vor dem Tod, körperlicher Gewalt, mystischer Inbrunst […] All das findet sich im ersten Akt wieder, in dem Bouché seine Tanzbilder in intensiven Farben gestaltet – voller Lebens- und Todeslust der Renaissance. […] Nach diesen dunklen, tableauartigen Szenen überrascht Bouché mit einem ruhigeren zweiten Teil – einem „weißen Akt“. Weiß durch die leichten Stoffe, durchscheinend, fast ätherisch. Weiß als Symbol für das Ende der Einsamkeit des Künstlers – ein heimlich ersehntes Aufatmen. […] So beruhigt Bouché die Leidenschaften, lenkt den Blick auf Details, auf feine Emotionen, auf die Möglichkeit von Harmonie im körperlichen Verlangen – und letztlich auf eine neue Form von Sinnlichkeit auch unter Männern. Er bringt das Schweigen unserer Herzschläge auf die Bühne, wie ein Caravaggio, der von ruhigeren Welten träumt.