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Vater Richard und Tochter Helen leben sehr unterschiedliche Leben: Er schottet sich in einer Gated Community immer mehr von der Außenwelt ab und ist allem und jedem anderen gegenüber feindselig eingestellt. Sie setzt sich täglich für eine vielfältige Gemeinschaft ein und kämpft für eine bessere Welt und Chancengleichheit. Richards Vorurteile lassen ihn vereinsamen. Nun hat er auch noch ohne verständliche Gründe seine langjährige Haushälterin entlassen. Helen ist jetzt seine einzige Bezugsperson und soll den kranken Vater pflegen – denn Richard wird langsam blind. Jeder Besuch wird zu einem Kampf der Weltanschauungen. Als ein Sicherheitslockdown die beiden zusammen einsperrt, kommen Vater und Tochter nicht länger an dem vorbei, was jahrelang unter den Teppich gekehrt wurde. Vorwürfe prallen aufeinander, alte Verletzungen brechen auf. Doch vielleicht liegt in der Auseinandersetzung auch die Chance auf eine neue Annäherung?

In einer Zeit, in der gesellschaftliche Gräben immer tiefer zu werden scheinen, zeigt Lot Vekemans, wie Trennlinien schon im Privaten beginnen. Und stellt zugleich die Frage: Wie gehen wir mit anderen Meinungen um? Und was braucht es, um den anderen zu verstehen?

 
 

Weitere Termine

Freitag, 29. Mai 2026
Spinnbau - Ostflügel
 
Bühne und Kostüme
Dramaturgie
Helens Mutter im Video
Alida Bohnen
Gabriele Noack *
Helen als jüngeres Kind im Video
Kalina Hastedt *
Helen als älteres Kind im Video
Annika Ziegler *
Stimme von Lenny
* Mitglieder der Statisterie der Theater Chemnitz
 
Dauer
1 h 40 min
Spielpause
ohne Pause
Altersempfehlung
14+
Premiere
20.03.2026
 

Digitales Programmheft

Für mehr Austausch zwischen Jung und Alt

Ein Mann in Bademantel und Sandalen sitzt mit einem Getränk in der Hand auf einer Bank und blickt auf eine Frau in einem ärmellosen Kleid, die an einem Tisch steht und zwei blaue Gläser in der Hand hält. Die Umgebung ist modern mit grauen Vorhängen und minimalem Mobiliar.
Andreas Manz-Kozár (Richard), Alida Bohnen (Helen) © Nasser Hashemi

In gesellschaftlichen Debatten werden gerne unterschiedliche Generationen pauschal verglichen und gegeneinander ausgespielt. Die Einteilung von Menschen nach ihrem Geburtsdatum ist dabei reich an Zuschreibungen. Die sogenannten Babyboomer (geboren etwa 1955 bis 1969) gelten als konservativ, die Generation X (ca. 1965 bis 1980) als pragmatisch, Millennials (ca. 1981 bis 1995) werden gerne als verwöhnte Weicheier bezeichnet und der Gen Z (ca. 1996 bis 2010) wird Faulheit unterstellt. Aber sind diese pauschalen Urteile eigentlich haltbar?

Für den Soziologen Martin Schröder sagen Generationsstudien ähnlich wenig aus wie Horoskope. Seiner Ansicht nach behaupten sie eine Homogenität, die es in der Realität nicht gebe. Auch für den Arbeitspsychologen Hannes Zacher sind Generationszuschreibungen wissenschaftlich nicht tragbar. Seine Forschung kommt zu dem Schluss, dass sich aus dem Geburtsjahr allein keine gemeinsamen Werte oder Einstellungen ableiten lassen. Vielmehr werde dadurch verdeckt, was wirklich zähle: Erfahrungen, soziale Herkunft, Bildung, Einkommen und Wohnort. Diese Faktoren prägten unsere Lebensrealitäten weit stärker als das gemeinsame Geburtsjahr.

Trotzdem werden Generationskonflikte immer wieder gezielt politisch genutzt. An die Stelle von Systemkritik treten dann oft vereinfachende Altersklischees. Junge Menschen, die sich für bessere Arbeitsbedingungen einsetzen, werden häufig als zu fordernd wahrgenommen. Gleichzeitig lenkt die öffentliche Diskussion über steigende Wohnkosten den Unmut oft pauschal auf ältere Hauseigentümer. Dabei gerät aus dem Blick, dass viele ältere Menschen, insbesondere Frauen, von Altersarmut betroffen sind.

Diese Fixierung auf Generationen verhindert einen kollektiven Lernprozess. Es ist einfach bequem, jemandem aufgrund seines Alters eine bestimmte Haltung oder einen Lebensstil zuzuschreiben. Viel anstrengender ist es, sich wirklich mit anderen Meinungen auseinanderzusetzen. Der Soziologe Heinz Bude weist darauf hin, dass echte Verständigung nur durch Begegnung entstehen kann und nicht durch Schubladendenken. Es braucht mehr Interesse füreinander und mehr Begegnungen über Generationsgrenzen hinweg. Kritik muss nicht automatisch Angriff bedeuten. Und wer zuhört, erfährt oft mehr als derjenige, der nur auf dem eigenen Recht beharrt.

Was in Blind zwischen Vater und Tochter exemplarisch verhandelt wird, ist ein gesellschaftliches Phänomen. Aus einem Mangel an Austausch entsteht ein absolutes Unverständnis zwischen den Generationen. Ein echtes Miteinander geht verloren. Dabei funktioniert unsere Gesellschaft und Demokratie nur, wenn wir Diskussionen und Konflikte mit Argumenten führen, mit Neugier und der Bereitschaft, auch einmal falsch zu liegen. Unterschiedliche Perspektiven müssen ausgehalten werden. Solange niemand diskriminiert wird, dürfen sie nebeneinander existieren.

Lea Unverferth

 

Zum Stand einer kostbaren Ressource

Ein älterer Mann und eine jüngere Frau, beide in grauer Kleidung, nehmen gemeinsam ein Dokument unter die Lupe, während sie sich über einen Tisch vor einem Hintergrund aus grauen Vorhängen beugen.
Andreas Manz-Kozár (Richard), Alida Bohnen (Helen) © Nasser Hashemi

Wasser und sein Mangel sind ein wiederkehrendes Thema in Blind. Es gibt Beschränkungen zur Wassernutzung, und werden diese zu oft und zu lang überschritten, wird der Wasserzugang komplett gesperrt. Dieses Szenario mag dystopisch anmuten, ist aber vielerorts schon Realität: Weltweit haben mehr als zwei Milliarden Menschen keinen regelmäßigen Zugang zu sauberem Wasser. Zwar ist unser blauer Planet zu 70 Prozent von Wasser bedeckt – doch nur drei Prozent davon sind Süßwasser und von diesen drei Prozent wiederum nur ein Zehntel als Trinkwasser nutzbar. Laut eines Berichts der Vereinten Nationen befinden wir uns schon jetzt in einer Ära des „globalen Wasserbankrotts“. Der weltweite Wasserverbrauch ist heutzutage sechsmal so hoch wie vor 100 Jahren und übersteigt damit vielerorts die Neubildung von nutzbarem Wasser. Wichtige Wasserspeicher werden übernutzt oder durch die Klimakrise zerstört. Flächenmäßig sind so in den letzten 50 Jahren Feuchtgebiete in der Größe der EU verschwunden. Das macht sich auch in Europa bemerkbar: Schon jetzt sind 30 Prozent der Europäischen Bevölkerung jährlich von Wasserstress betroffen. Von diesem Zustand spricht man, wenn sich mehr als 20 Prozent des verfügbaren Süßwassers in Benutzung befinden. Auch in Sachsen gehörte das Jahr 2025 zu den wärmsten und trockensten seit Beginn der Aufzeichnungen.

Dies hat weitreichende Folgen für Flora und Fauna: Immer mehr Lebewesen sind vom Aussterben bedroht. Zunehmende Dürre sorgt für erhöhte Waldbrandgefahr und schlechte Ernten, die wiederum Hungersnöte nach sich ziehen können. Der fehlende Zugang zu sauberem Wasser gehört zu den häufigsten Todesursachen bei Kindern unter fünf Jahren und fördert die schnellere Ausbreitung von Krankheiten aufgrund von mangelnder Hygiene. Eine verstärkte Grundwasserentnahme sorgt weltweit für absinkende Böden – die daraus resultierende Destabilisierung der Infrastruktur stellt insbesondere in Städten ein Sicherheitsrisiko dar. Bei Starkregen kommt es zugleich häufiger zu Überschwemmungen, da ausgetrocknete Böden das Übermaß an Wasser nicht aufnehmen können.

Die Zahl wasserbezogener Konflikte ist daher allein seit 2010 um 1.900 Prozent gestiegen. Expert:innen sind sich einig: Hier muss dringend gegengesteuert werden, z.B. durch eine effizientere Wassernutzung in Landwirtschaft und Industrie, eine Verbesserung der Abwasseraufbereitung und Wiederverwendung von Wasser sowie die Neugewinnung durch Entsalzen von Meerwasser.

Maria Kordasch

 
Eine in violettes Licht getauchte Bühnenszene zeigt einen Mann in Tanktop und Shorts, der sich mit einem Bein nach vorne lehnt, als sei er mitten in der Bewegung, während eine Frau in Rock und Stiefeln unbeweglich neben einem Tisch steht und ihm entgegenblickt.
Andreas Manz-Kozár (Richard), Alida Bohnen (Helen) © Nasser Hashemi

Lot Vekemans, geboren 1965 in Oss/Niederlande, schreibt Romane, Drehbücher und Theaterstücke. Ihre Werke wurden mehrfach ausgezeichnet, in 22 Sprachen übersetzt und in mehr als 35 Ländern aufgeführt. Damit ist sie die international meistgespielte niederländische Dramatikerin. Vekemans studierte Sozialgeografie und in Amsterdam Schreiben mit Schwerpunkt Schauspiel und Sachliteratur. Ihre Werke zeichnen sich durch eine klare Sprache und tiefe Einblicke in die menschliche Psyche aus. Mit der Uraufführung von Blind gab Vekemans 2023 ihr Regiedebüt. Der Text basiert auf Erfahrungen mit ihrer südafrikanischen Familie und den Spuren der Apartheid, denen sie während ihrer Reise durch Südafrika begegnet ist.

„In Blind prallen zwei Weltbilder aufeinander. Zwei Welten, die sich nicht annähern wollen, aber irgendwann doch müssen. Wie macht man das? [...] Versucht man, […] sich zu verstehen, oder bleibt man lieber so weit wie möglich voneinander entfernt? Wie neugierig sind wir aufeinander? Ist man in der Lage, über seine eigenen Urteile und Überzeugungen hinwegzusehen, um den anderen zu erreichen? Oder verschließt man sich in seiner eigenen Blase, wo man sich sicher fühlt. [...] Ich betrachte jedes Stück als Einladung zum Dialog mit meinem Publikum. Bei Blind stelle ich mir und meinem Publikum die zentrale Frage: Wie gehen wir mit jemandem um, dessen Weltanschauung wir ablehnen?“

(Lot Vekemans in einem Interview zu Blind für die Schouwburg Lochem)

 
 

Stimmen

Starkes Kammerspiel über Angst, Abschottung und Familie

Maurice Querner | Freie Presse | 21.03.2026

Regisseurin Sandra Maria Huimann kann dabei ganz auf die Wucht des Textes der Niederländerin setzen – und auf zwei Darsteller, die diesen Abend tragen: Andreas Manz-Kozár als Richard und Alida Bohnen als seine Tochter Helen. Es ist eine Besetzung, die man ohne Übertreibung als Glücksfall bezeichnen darf. Beide agieren mit einer Präzision und Intensität, die das dialoglastige Stück jederzeit unter Spannung hält. […] Huimann inszeniert diese Konfrontation als präzise gesetzten Schlagabtausch. Die Figuren reden einander nicht zu, sondern aneinander vorbei. Jeder Satz ist Positionierung, Verteidigung, Angriff. Und doch sind es gerade die leisen Momente, die unter die Haut gehen. […] Manz-Kozár zeigt Richard nicht als bloßen Reaktionär, sondern als verletzlichen, zunehmend erblindenden Mann, der verzweifelt um Nähe ringt. Bohnen gibt Helen eine Mischung aus Härte, Enttäuschung und Traurigkeit, die ahnen lässt, wie tief alte Wunden sitzen.

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