© Dieter Wuschanski

Spielzeit 2018/2019

Sieben Geister

Sa
29.
September
Schauspiel

Sieben Geister

Familiendrama von Sören Hornung
Gewinnerstück des Chemnitzer Theaterpreises für junge Dramatik 2018

 
 

Oma ist tot. Zeit, schmutzige Wäsche zu waschen. Es ist der Tag ihrer Beerdigung und die Soljanka längst kalt. Als Omas Lieblingssohn Frank eintrifft, ist er unausstehlich. Offen provoziert er seine Schwester Elise und legt sich mit dem dementen Onkel Wolfgang an. Mit Kanonen auf Spatzen? Nur scheinbar. – Elise hatte zuletzt die Mutter voller Selbstaufgabe gepflegt, Frank als Werbefilmer notwendiges Geld beigesteuert, Onkel Wolfgang sich in die Ferne verdrückt und Franziska, Franks Tochter, sich leidlich mit Drogen über Wasser gehalten. Geredet wurde kaum, das quasselnde Schweigen der ständige Begleiter der Familie, die ganze Verbogenheit ihres Lebens unter der Decke gehalten von Oma, dieser starken Frau. Doch viel wäre zu erzählen gewesen: von der Besetzung Deutschlands durch die Russen, vom Aufbau der DDR und ihrer notwendigen Grenze, von Franks Freundin Bettina, die ums Leben kam, von Onkel Wolfgangs Unschuld und Oma Ursulas mitleidloser Härte.

Sören Hornungs neues Stück „Sieben Geister“ spannt anhand dreier Generationen einen Bogen von 1945 bis heute. Es erzählt aus der Perspektive einer Familie vom Erbe sprachloser Geschichte, vom haltlosen Leben ohne Erfahrung. Seine genau gezeichneten Figuren – allesamt Erben des Unglücks – sind in Gefahr zu verblassen oder auf die falschen Feinde loszugehen. Erst die Enkelgeneration revoltiert, zunächst mit Selbstzerstörung, dann mit der konkreten Frage nach der Ursache der familiären Aggressivität und Lethargie. Und sie holt die Leichen aus dem Keller, stellt vehement die Altvorderen in Frage. 

Die deutsche Geschichte steht exemplarisch für das verdrückte Schweigen allerorten, das sich als Krankheit in Körper und soziale Beziehungen schreibt. Völlig egal, ob es sich um den im Stück benannten deutschen Krieg handelt, einen jugoslawischen, finnischen oder ukrainischen. Wenn (zutiefst verletzende) Erfahrungen nicht ausgesprochen und im besten Fall verarbeitet werden können, vererben sie sich. Irgendwann und irgendwo platzen die Wunden wieder auf. Wer sich in Europa nicht für Abschottung und die Verschärfung von Konflikten entscheiden will, wird um sehr sensible Aussprache nicht umhin kommen. 

Der Autor Sören Hornung wurde 1989 in Berlin geboren und arbeitet als Regisseur, Autor und Performer. 2010 war er als Regieassistent bei der Fernsehserie „Schloss Einstein“ und inszenierte erstmalig am Schlossplatztheater Berlin. 2012 gründete er mit Paula Thielecke das KOLLEKTIV EINS und war 2014 an der Akademie für Darstellende Kunst Baden-Württemberg Mitbegründer und Festival-Koordinator des „ManieFest“. Seine Inszenierung von Ibsens „Ein Volksfeind“ wurde zum Körber Studio Junge Regie 2015 eingeladen. 2016 absolvierte er sein Regiestudium an der Akademie für Darstellende Kunst Baden-Württemberg. 2017 war er für den Osnabrücker Dramatikerpreis nominiert und mit der Produktion „Die Zauberin von Oz“ bei dem Festival „Spieltriebe 7“ am Theater Osnabrück mit dem KOLLEKTIV EINS vertreten. Seine Inszenierungen waren bisher u. a. zu sehen am Schauspiel Stuttgart, am Theater Rampe in Stuttgart, am Thalia Theater Hamburg, am Theater Augsburg und am Volkstheater Rostock. Dort ist auch die aktuelle Inszenierung „Laika – Das Chaos sei willkommen, denn die Ordnung versagt“ vom KOLLEKTIV EINS zu sehen.

Spielort:Schauspielhaus - Ostflügel
Dauer:noch nicht bekannt
Premiere:11.05.2018
Sa, 29. September | 20:00 Uhr
Preis: 12,00 €
 

Weitere Termine

18.10.2018 Donnerstag 20:00 Uhr    
Schauspielhaus - Ostflügel
04.11.2018 Sonntag 18:00 Uhr    
Schauspielhaus - Ostflügel
30.11.2018 Freitag 20:00 Uhr    
Schauspielhaus - Ostflügel
28.12.2018 Freitag 20:00 Uhr    
Schauspielhaus - Ostflügel

Bilder zum Stückes

Bilder
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Videomedien zum Stück

Video

Inszenierungsteam des Stückes

Inszenierungsteam
Regie Laura Linnenbaum

Bühne und Kostüme Valentin Baumeister

Musik Justus Wilcken

Dramaturgie René Schmidt

Besetzung des Stückes

Besetzung
Erzählerin
Christine Gabsch

Franziska
Magda Decker

Elise
Ulrike Euen

Frank
Christian Ruth

Wolfgang
Horst Damm

Pressestimmen zum Stück

Pressestimmen

„Theater heute“ schreibt in Ausgabe 7/2018

Was für eine Familie. Der Ur-Opa war ein mittlerer Massenmörder der SS und wurde beim Einmarsch der Roten Armee vor den Augen seiner Tochter auf Nimmerwiedersehen verschleppt, das Kind anschließend von einem Russen vergewaltigt. Lieblingsspruch der Mutter: ‚So etwas passiert in unserer Familie nicht.‘ Die Traumata aus dem Krieg lassen auch danach keine rechte Lebensfreude aufkommen. Enkel Frank wächst lieblos auf, seine einzige Freundin wird beim Indianerspiel an der Grenze erschossen. Urenkelin Franziska ist arbeitslos, tablettensüchtig und ritzt sich Hakenkreuze. Die Oma, nach deren Begräbnis man sich versammelt, war familienweit als Tyrannin gefürchtet, Onkel Wolfgang ist immerhin sympathisch dement. Die erste zaghafte Wärmestrahlung kommt ganz zum Schluss auf, wenn sich Vater und Tochter bei einer Tasse Kaffee versöhnen, nachdem der Schauspieler-Papa seine Stasi-Mitarbeit gestanden hat.
Sören Hornung hat in schnellen Schnitten und unter Zuhilfenahme einer Erzählerfigur eine oswtdeutsche Familiengeschichte von 1945 bis heute skizziert, voller Rückblenden, Geständnisse und vager Andeutungen. Abgerissene Sätze stehen im Wind der Zeitläufte, das Märchen vom bösen Wolf und den sieben Geißlein hält metaphorisch alles zusammen. Dabei bleibt ‚Sieben Geister‘ immer ungefähr genug, um allgemein übertragbar zu sein auf ein ganzes Land, dessen Bewohner nicht voneinander loskommen. Die Verhaltensmuster folgen einmütig einem Symptomkatalog aus dem Lehrbuch der Traumatologie: freudlos autoritäre Charaktere in einer Atmosphäre aus Angst, Schweigen und Druck. Lebenslanges Leiden, das sich von Generation zu Generation fortsetzt. Kein Spaß, nirgends.
Regisseurin Laura Linnenbaum hat den psychologisch untermauerten DDR-Opfermythos im ‚Ostflügel‘ des Chemnitzer Schauspielhauses (…) zumindest nach Kräften individualisiert. Auf einem schräg vor die Zuschauerreihen gekanteten Spielwürfel, der sich zunehmend zerlegt, stehen die Schauspieler in weißer Wäsche; den Herren gebührt eher schmuckloser Feinripp, die Damen zeigen sich gestärkt und gestaltet (Bühne und Kostüme Valentin Baumeister). Christian Ruths Frank, der Stasi-Schauspieler, wechselt ansatzlos vom infantil-weinerlichen Scherzmodus in hilflose Aggression, seine Frau Elise (Ulrike Euen) trägt tapfer die Verhärmungen der duldend-verantwortungsvollen Mutter. Beim verwegenen Indianerrollenspiel an der deutsch-deutschen Grenze feiert sie den Aufbruch ihres Lebens, der tödlich endet.
Am Ende steht die kaffeesüße Versöhnung der Generationen im Zeichen einer Schuld, für die sie nichts können. Magda Decker verleiht der angeblich autoaggressiven Enkelin Franziska das wehe Leiden und die innere Würde einer empfindsamen jungen Frau, die nicht mal einen Kaugummi auf die Straße spucken würde. Selbst die Traumata, wenn es denn noch welche sind, erscheinen in dieser Inszenierung gewaschen und gebügelt. So kann sie denn das Chemnitzer Publikum, sollte es nach erklärenden Entschuldigungen für Vergangenheit und Gegenwart suchen, im Wäscheschrank ablegen. Immerhin: Wenn Mythen Wunden heilen, erfüllt das Mittel einen Zweck.
(...)

Franz Wille

„Dresdner Neueste Nachrichten“ schreiben am 23.05.2018

(…)
Beim Textaufbau bemerkt man (…) die Erfahrung Hornungs, Berliner Jahrgang 1989, dem fünften Chemnitzer Preisträger für junge Dramatik, denn er hat etliche gute Dialoge und einige schöne Gleichnisse (…) eingebaut und verwebt die Geschichte sowohl in Raum und Zeit als auch mit recht hohem Abstraktionsgrad (…).
Es ist aber eindeutig das Verdienst von Regisseurin Laura Linnenbaum (…), dass daraus ein sehenswerter und auch teilweise unter die Haut gehender Theaterabend wird, auch weil sie mit einem großartigen Schauspielquintett gesegnet ist. Ihr langjähriger Begleiter Valentin Baumeister bastelt als Ausstatter ein quadratisches graues Spielpodest, das man vielleicht als Sarg, aber auch als Betonquader deuten kann, das demontierbar ist und genau jene Schräge hat, dass zwei Säcke voller festkochender Biokartoffeln langsam herunterrollen können, ohne dem Publikum wehzutun. Außerdem stecken die beiden alle Akteure in weiße Unterwäsche, was sich ob des schutzlosen Konterkarierens der abgehärmten Erzählungen als eine gute Idee erweist.
Und es gelingt allen gemeinsam eine schöne, versöhnliche Pointe, die hier nicht verraten gehört, weil sich die Inszenierung zu einem Schauspielerfest weitet und ‚Sieben Geister‘ nach Martin Bauchs ‚Die Erben des Galilei‘ beim Start anno 2014 zum zweitbesten Preisträgerstück der jungen, exklusiven, aber schon respektablen Tradition macht: Neben Maria Schubert (…) liefern auch Magda Decker und Ulrike Euen wirklich Besonderes (…). Christian Ruth (…) meistert seine Ekelrolle ebenso mit Bravour wie der Dresdner Horst Damm als Gast, der den alternden Onkel mit gehöriger Würde spielte.
(…)

Andreas Herrmann

Die „Freie Presse“ schreibt am 14.05.2018

Die Konstellation kennt man aus Kino, Fernsehen und auch von der Bühne: Ein Familienmitglied stirbt, die Hinterbliebenen treffen aufeinander, und es brechen bislang verborgene Konflikte mit aller Macht hervor. (…)
Oma Ursula (Maria Schubert), die als erzählender Geist auf der Bühne zu sehen ist, scheint keine sehr angenehme Person gewesen zu sein. Warum, darüber klärt Hornung zunächst nur bruchstückhaft auf. Darunter leidet fast ein wenig das Stück: Die Konflikte, die die Protagonisten unter- und gegeneinander auf einem Bretterverschlag austragen, scheinen eher banal. Franziska zieht zum Ärger des Vaters nicht ihre Schuhe aus, und während die Mutter Kartoffeln schält und unentwegt putzend für Sauberkeit sorgt, holt sie Dreck aus den tiefen Taschen ihrer Kapuzenjacke und verteilt ihn in Form eines Hakenkreuzes. Gerade als das Geplänkel zu ermüden droht, nimmt das Stück hochdramatische Wendungen. Ursula muss nicht nur erleben, wie ihr Vater, ein SS-Mann, am Ende des Krieges von den Russen abgeholt wird, ein russischer Soldat ritzt ihr ein Hakenkreuz in den Schenkel und missbraucht sie. Frank muss sich erinnern, wie r als Kind beim Spielen mit seiner Freundin Bettina zu nahe an die DDR-Grenzanlagen gerät. Auf die Kinder wird geschossen, Bettina wird tödlich getroffen.
Regisseurin Laura Linnenbaum inszeniert gerade diese erschütternde Szene mit Wucht. Da ist es dann plötzlich gar nicht mehr wichtig zu ergründen, warum die Regisseurin die allesamt toll agierenden Schauspieler die ganze Zeit in Unterwäsche auftreten lässt. Und auch der Sinn einer angedeuteten Kartoffellawine, die über den Verschlag rollt, will sich nicht recht erschließen. Auch das Stück selbst ist nicht ganz frei von Schwächen. Frank nämlich begründet seine Stasi-Mitarbeit damit, dass er irgendwann entdeckte, ein guter Schauspieler zu sein. Das ist dann doch ein wenig zu billig.
Anerkennenswert ist freilich, dass dem noch nicht mal 30-jährigen Autor eine alles in allem stimmige Story gelungen ist, die sich ernsthaft mit DDR-Geschichte befasst, die, so man Umfragen vertraut, gerade bei jungen Leuten in seltsam diffusem Licht aus Unwissen und/oder Desinteresse zu versinken droht. (…)

Maurice Querner

Der „Stadtstreicher“ schreibt in Ausgabe 06/2018

(…) Hornung legt ein verrätseltes Stück vor, irgendwo unweit der einstigen innerdeutschen Grenze angesiedelt. Ein halber, die Inszenierung prägender Zentner Kartoffeln, ein Sack voll Muttererde und eine Flasche Klarer verorten es auf dem Lande.
(…) Jedes Familienmitglied trägt so viel Leid mit sich herum, dass es locker für drei Staffeln einer hochkarätigen Fernsehserie genügen würde. In ‚Sieben Geister‘ kann jedes Trauma für sich deshalb allenfalls angedeutet werden und Kopfkino auslösen (…). Dass er dieses Kopfkino auslöst, kann man Hornungs dichtem Text durchaus zugutehalten.
Noch mehr aber ist ein gelungener Theaterabend wohl ein Verdienst von Regisseurin Linnenbaum und ihrem fünfköpfigen Ensemble: Ihnen gelingt es, den Zuschauer auf diese Traumareise durch die deutsche Geschichte nicht nur mitzunehmen, sondern ihn auch nicht unterwegs zu verlieren. Sie füllen ‚Sieben Geister‘ mit großer Intensität, beginnend bei der für die Premiere kurzfristig als Erzählerin eingesprungenen Maria Schubert. Magda Decker, Ulrike Euen, Christian Ruth und Horst Damm, die Familienmitglieder, öffnen Schritt für Schritt den Bühnenraum – einen großen hölzernen Kubus, um den sie herumschleichen, den sie erklimmen, den sie begehen – und dringen vor in das Dunkel deutscher und eigener Geschichte. (…)


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