Spielzeit 2017/2018

Das Rheingold

Sa
28.
April
Oper
Der Ring 2018

Das Rheingold

Vorabend zu dem Bühnenfestspiel "Der Ring des Nibelungen" von Richard Wagner

 
 

Die Rheintöchter werden von Alberich beobachtet. Als sie ihn zurückweisen, wandelt sich sein Liebesbegehren in Hass und der Nibelung raubt ihren Schatz – das Rheingold. Der aus dem Rheingold geschmiedete Ring verhilft Alberich zu Macht. Die Brüder Fasolt und Fafner haben für Wotan Walhall gebaut und fordern die dafür versprochene Freia. Wotan bereut den Handel und sucht mit Loge nach einer Alternative. Fasolt und Fafner erklären sich bereit, Freia für Alberichs Schatz einzutauschen. Es gelingt Wotan und Loge, mit Mimes Tarnhelm Alberich das Rheingold abzunehmen; Alberich sieht sich überlistet und verflucht den Ring. Wotan beabsichtigt, das Rheingold ohne die beiden wertvollsten Stücke, Tarnhelm und Ring, an Fafner und Fasolt auszuhändigen. Die beiden bestehen auf Einhaltung der Vereinbarung und fordern den gesamten Schatz. Erdas Warnung vor dem Fluch des Rings lässt Wotan einwilligen. Als erste Opfer des Fluchs geraten Fafner und Fasolt über das Rheingold in Streit; Fafner erschlägt seinen Bruder. Wotan kann Walhall in Besitz nehmen. Das Flehen der Rheintöchter um das geraubte Gold verhallt.

Am Anfang von Richard Wagners Der Ring des Nibelungen steht das Begehren. Alberichs Griff nach den Rheintöchtern ist der Impuls, der die Rheingold-Erzählung als einen Mechanismus wachsenden Chaos in Gang setzt. Reflexhafter Motor dieses Mechanismus ist die Enttäuschung. Zweimal endet Alberichs Begehren enttäuschend: Liebe und Macht werden ihm versagt. Es bleibt ihm nur der Fluch. Wagner gelingt mit dem Beginn seiner Tetralogie ein in der Musikgeschichte einzigartiges Vexierbild: Den musikalischen Topos der Welten-Entstehung verwendet Wagner täuschend echt und komponiert mit dem Rheingold die Anti-Schöpfung als einen sich entfaltenden Kosmos der Zerstörung.

Verena Stoiber studierte Regie in München, arbeitete als Regieassistentin an der Oper Stuttgart vornehmlich mit Jossi Wieler und Calixto Bieito zusammen. 2014 gewann sie den Ring Award in Graz. Anschließend inszenierte sie die Uraufführung von Konrad Boehmers Sensor an der Deutschen Oper Berlin, Rigoletto am Staatstheater Nürnberg, das Händeloratorium Israel in Egypt im Rahmen der Winteroper in Potsdam sowie Tristan und Isolde an der Oper Graz.

Aufführung mit deutschen Übertiteln 

Gefördert von 

Spielort:Opernhaus - Saal
Dauer:2 h 30 min / keine Pause
Altersempfehlung:ab 16 Jahren
Premiere:03.02.2018
Einführung:30 Minuten vor Beginn jeder Vorstellung
Sa, 28. April | 19:00 Uhr
Preis: 27,00 bis 54,00 €
 

Weitere Termine

05.01.2019Samstag18:00 Uhr   Opernhaus - Saal  
27.01.2019Sonntag18:00 Uhr   Opernhaus - Saal  
18.04.2019Donnerstag18:00 Uhr   Opernhaus - Saal  
30.05.2019Donnerstag16:00 Uhr   Opernhaus - Saal  

Videomedien zum Stück

Video

Inszenierungsteam des Stückes

Inszenierungsteam
Musikalische Leitung Guillermo García Calvo 03.02. / 31.03. / 15.04. / 28.04.2018
Felix Bender 22.02. / 03.03.2018

Inszenierung Verena Stoiber

Bühne und Kostüme Sophia Schneider

Dramaturgische Betreuung Carla Neppl

Besetzung des Stückes

Besetzung
Wotan
Krisztián Cser

Donner
Matthias Winter

Froh
Petter Wulfsberg Moen

Loge
Benjamin Bruns 03.02. / 22.02. / 03.03. / 31.03.2018
Edward Randall 15.04. / 28.04.2018

Fricka
Monika Bohinec 03.02. / 22.02. / 03.03. / 31.03. / 28.04.2018
Bernadett Fodor 15.04.2018

Freia
Maraike Schröter
Cornelia Ptassek 31.03.2018

Erda
Bernadett Fodor
Anja Schlosser 31.03. / 15.04. / 28.04.2018

Alberich
Jukka Rasilainen

Mime
Edward Randall 03.02. / 22.02. / 03.03. / 31.03.2018
Benedikt Nawrath 15.04. / 28.04.2018

Fasolt
Magnus Piontek

Fafner
James Moellenhoff

Woglinde
Guibee Yang

Wellgunde
Sylvia Rena Ziegler

Floßhilde
Sophia Maeno

Damen und Herren der Statisterie

Robert-Schumann-Philharmonie

Pressestimmen zum Stück

Pressestimmen

„OPER! Das Magazin“ schreibt in Ausgabe 4/2018

Nicht auf dem Grunde des Rheins, im Urwald nimmt das Verderben seinen Lauf. (…) Kunstvoll üben sich die Rheintöchter im Lianenturnen und treiben ihre harmlosen Späße mit Alberich, dem hässlichen Zwerg. Mit zottigem Fellbewuchs und Riesengemächt weist er deutlich genug darauf hin, dass wir uns mitten in einem Satyrspiel befinden. Was jetzt kommt, könnte auch für Wotan lehrreich sein. Doch der Göttervater, der sich selbst mit den Konsequenzen seines eigenen Handelns nur ungern befasst, ist im Theatersessel längst schon in desinteressierten Schlaf versunken. So verpasst er auch den bemerkenswerten Regieeinfall (…), den Raub des Rheingolds mittels Skalpierung (bzw. Perückenklaus), die in einer Art archaischem Frontalangriff alles Weibliche symbolisch beiseite räumt. Jetzt kann sie kommen, die neue, empathiebereinigte Männerwelt nach Nibelheimer Vorbild, willkommen in der kapitalistischen Endzeit.
(…) Verena Stoiber (…), die der beißenden Ironie ihres kapitalismuskritischen Ansatzes adäquate Bilder beizuheften weiß (Bühne und Kostüme: Sophia Schneider): Da besteht etwa das Bauprojekt Walhall in nichts Weiterem als einer scheußlichen Fertigbaumauer mit dem ausschließlichen Zweck, den Götterhaufen vom Rest der Welt zu separieren. Überhaupt, diese Götter: Donner und Froh, ein dauerpubertäres Hedonistenpaar, unfähig den Ernst auch nur irgendeiner Lage zu begreifen, Freia, die einem im Zustand konsumherbeigeführter Regression fast schon leidtun muss, die sektsüchtige Fricka und ihr nicht über den nächsten Augenblick hinausdenkender Ehemann. Mit kulinarischem Blick fürs Böse zerlegt Verena Stoiber hier eine Gesellschaft, deren Elitestatus nur leere Behauptung ist und sich allein aus den Vorzügen eines gewaltigen materiellen Wohlstands speist. Die anderen sind auch nicht besser, weder die wie die Herren Kaiser von der Hamburg-Mannheimer einherschreitenden, später so leicht zu befriedigenden Kleinbürgerbrüder Fasolt und Fafner, noch und schon gar nicht der finstere Alberich, der, sobald er den machtverheißenden Ring in Händen hält, das freudlose Nibelheim durch Kinderarbeit und sexuelle Ausbeutung erfolgreich in einen noch freudloseren Ort verwandelt. Der Bibelungenhort: original verpackter Konsumscheiß und versklavtes Humankapital.
Starken Bildern und vor allem einer starken Personenregie steht hier eine größtenteils starke musikalische Umsetzung gegenüber. Insbesondere die Robert-Schumann-Philharmonie – während der Produktion abwechselnd vom neuen GMD Guillermo García Calvo und dem scheidenden Felix Bender dirigiert (so auch bei der zweiten, von uns besuchten Vorstellung) – macht dem Chemnitzer Ruf als ‚sächsisches Bayreuth‘ mit delikater Wagner-Behandlung alle Ehre. Der dunkel-sanfte, vom Pult aus oft bis ins Kammermusikalische heruntergedimmte Grundklang legt dem Sängerensemble einen flauschigen Teppich aus, auf dem es prächtig agieren kann. Krisztián Cser zunächst, ein erstaunlich junger Wotan, wendig als Sänger und Darsteller, der über einen noblen, gar nicht mal allzu schweren, dennoch wagnerfähigen und in allen musikalischen Lebenslagen durchdringenden Bassbariton verfügt und eine der überzeugendsten Leistungen des Abends abliefert. Deutlich (…) seine Diktion (…) Benjamin Bruns (…) Loge hat alles, was man sich wünscht: einen ebenso kräftigen wie helltimbrierten Tenor von großer Flexibilität und Schlagkraft sowie eine große Akribie in der Textbehandlung, die auch der scheinbar unwichtigsten Silbe aus dem Mund des zungenfertigen Feuer- und Lügengottes noch zu ihrem Recht verhilft. Bestens in ihren Rollen besetzt zeigen sich die Sänger der Riesen Magnus Piontek und James Moellenhoff sowie Edward Randall als meckriger Mime.
Im Frauensektor sind Monika Bohinec als Fricka und die spielfreudige (weil ausnahmsweise nicht von der Regie in dieser Partie übergangene) Maraike Schröter als Freia wichtige Stützen des Ensembles, wobei der große Überraschungsauftritt am Ende einem wahren stimmlichen Schwergewicht vorbehalten bleibt: Bernadett Fodor verleiht ihrer Erda mit tief abgedunkelter Altstimme eine geradezu ergreifende Weisheit und Würde. Dass sich das Rheintöchtertrio bestehend aus Guibee Yang, Sylvia Rena Ziegler und Sophia Maeno selbst durch die (…) abverlangten akrobatischen Einlagen nicht (bis kaum) aus dem stimmlichen wie metrischen Gleichgewicht bringen lässt, verdient ein Extralob. (…)

Stephan Schwarz-Peters

„orpheus“ schreibt in der Ausgabe März/April 2018

(…) bezieht sich das Inszenierungsteam auf George Bernard Shaw, der 1896 den ‚Ring‘ als ein ‚Drama der Gegenwart‘ charakterisierte. In einer vom Kapital beherrschten Gesellschaft wird das Handeln der Menschen durch Ausbeutung, Knebelverträge, Betrug und Skrupellosigkeit geprägt. Auch den Walhall-Göttern ist nichts Menschliches fremd. Deutlich wird gezeigt, wie ihr Charakter durch das Kapital deformiert wird. Das von Alberich geraubte Rheingold wird durch die Ausbeutung von Menschen zu Konsumgütern, die in unzähligen Kartons und Tüten verpackt sind. Und dabei beginnt das Verhängnis fast märchenhaft, wie ein Satyrspiel. Die Rheintöchter schwingen an Lianen durch die Lüfte, bringen den triebhaften, mit großem Phallus ausgestatteten Alberich nicht nur mit Erzählungen über das Rheingold in Wallung. Sexuelle Gier und die Gier nach dem Gold lassen den Zwerg gewalttätig werden. Er schändet die Rheintöchter und verschwindet mit dem Gold. Das Geschehen wird von Wotan, Fricka und Loge, in bequemen Theatersesseln am Bühnenportal sitzend, beobachtet. Verena Stoiber hat die Figuren als ‚moderne‘ Menschen profiliert. Wotan ist ein jugendlicher Geschäftsmann mit Smartphone. Fricka, stets an seiner Seite, ist eine den Besitzstand wahrende First Lady und Freia ein verwöhnter Teenager. Froh und Donner vertreiben sich mit Golfspielen die Zeit. Das von Fafner und Fasolt errichtete Walhall ist eine wuchtige Mauer und steht für eine ‚geschlossene‘ Gesellschaft. Loge wird als durchtriebener Manager, Makler und Mediator gezeigt. Und Nibelheim? Alberich, jetzt ganz Geschäftsmann, betreibt ein Bordell, in dem sich Mädchen zur Kapitalvermehrung verkaufen. Die Tarnkappe ist hier ein Spiegel, der zur Täuschung von Wotan und Loge eingesetzt wird. Doch Alberich verliert den Ring und sein Fluch wird fortan nur Unglück bringen. (…) Große Zustimmung gab es für die Sängerleistungen und die Robert-Schumann-Philharmonie unter Guillermo García Calvo. Mit herausragenden solistischen Leistungen überzeugten Krisztián Cser (Wotan), Benjamin Bruns (Loge), Monika Bohinec (Fricka), Bernadett Fodor (Erda) und vor allem Jukka Rasilainen (Alberich). Besonders in den Ensembles beeindruckten Guibee Yang (Woglinde), Sylvia Rena Ziegler (Wellgunde) und Sophia Maeno (Floßhilde). Ein Qualitätsmerkmal der Aufführung war auch die hohe Textverständlichkeit, wie bei Maraike Schröter (freia), Magnus Piontek (Fasolt) und James Moellenhoff (Fafner). Auf die Fortsetzung der Tetralogie darf man sehr gespannt sein.

Herbert Henning

Die „Opernwelt“ schreibt in der Ausgabe März 2018

Die drei Rheintöchter schwingen an Lianen über die Bühne, nackt sehen sie aus, ihre goldblonden locken-Mähnen wehen im Wind. Am Rande steht der zottelige Satyr Alberich, geifernder Lüstling. Er will eine haben, allzeit bereit mit dauererigiertem Glied. Die Liebe bleibt ihm verwehrt, aber die güldenen Haare, die raubt er. Das war es mit der Natur, mit der Unschuld, an ihre Stelle tritt der Konsum. Dem verfallen alle. Am Ende sogar die Rheintöchter. Nach dem Frevel geht es weiter in einem Heute, das wir nur allzu gut kennen.
Verena Stoiber eröffnete den neuen ‚Ring‘-Zyklus in Chemnitz (…). Stoibers Blick richtet sich (…) auf die Konsumkritik. Sicherlich keine ganz neue Sicht auf die ‚Ring‘-Dinge, aber sie hat feine Ideen. Loge, der Brandstifter, ist es, der Alberich stumm das Messer reicht, um den Rheintöchtern Haare und Würde zu nehmen. Wotan und Loge meinen Alberichs Tarnkappen-Verwandlung in Wurm und Kröte zu beobachten, in Wahrheit sehen sie nur, was sie sehen wollen. Er hält ihnen den Spiegel vor. Und Stoiber macht das Gleiche mit dem Publikum. Denn sind wir nicht auch hinter dem Hort her? Neuer Fernseher, neue Schuhe, Klamotten, alles, was wir meinen zu brauchen – versandfertig verpackt zum Abtransport. Die unschöne Wahrheit über die Produzenten unserer Konsumgüter wird mitgeliefert: In Alberichs Knast schuften Kinder. Einen Käfig drüber hält sich der abgehalfterte Zuhälter Bikini-Damen (Sex-Flat 9,99). Das Nibelungenheer reichen sich die machtgeilen Männer weiter. Erst übernimmt Mime die Sex-Arbeiterinnen, am Schluss greift Fafner nach den Kindersklaven. (…)
So aktuell die Inszenierung, so modern die Charaktere: Wotan ist der klischee-Manager, schicker Anzugträger, ständig am Handy. Krisztián Cser spiegelt die Stellung Wotans mit seiner vor Kraft strotzenden, mächtigen Stimme, ohne zu übersteuern. Fricka (auch im Liegen mit knackig-strahlendem Mezzo: Monika Bohinec), seine dominante Matronen-Ehefrau, steckt mit Betonfrisur im lila Kostüm. Freia wird zum quietschigen Shopping-Püppchen, Donner und Froh schwingen Golfschläger. Nur die Riesen verderben das Spiel. Der pedantische Fasolt – den Magnus Piontek genauso deklamiert – pocht im Beamtenoutfit mit Hochwasserhose auf die einzuhaltenden Verträge. Über dem Geschehen scheint nicht nur das Zwielicht Loge, sondern auch sein Sänger (Benjamin Bruns) zu schweben. Er trägt zwar den langweiligsten Anzug von allen, aber bei dieser Ausgestaltung der Rolle braucht es keinen Zinnober: wie er da einmal mephistophelisch die Augenbrauen hochzieht und im nächsten Moment Alberich salbungsvoll-oratorienhaft ins Ohr säuselt. Bruns spielt mit der Sprache, mit seiner Stimme – scheinbar mühelos – jeder Vokal ist austariert, jedes Wort zu verstehen. Es ist sein Rollendebüt! Jukka Rasilainen als überzeugender Albe lässt seinen voluminösen Bassbariton böse anschwellen (…). Der Auftritt von Diva Erda kommt einer erscheinung gleich: Im Spotlight glitzert Bernadett Fodors schwarze robe. Ebenso dunkel ihr riesiger, strömender Alt, diese Tiefe nimmt den ganzen Raum ein – wahrlich schicksalhaft.
Das Ensemble der Singenden beeindruckt und ist mit Raffinesse gewählt. Im kleinen: Die Stimmen der drei Rheintöchter harmonieren wunderschön, betörend, keine fällt heraus oder ab. Aus drei mach eins – echter Nymphen-Zauber. Im Großen: als entstiege der individuelle Stimmklang einer gemeinsamen Grundfarbe. Guillermo García Calvo, seit dieser Spielzeit neuer GMD der Robert-Schumann-Philharmonie, hat die Singenden so wie sein Orchester im musikalischen Griff. Leidenschaftlich arbeitet er die Partitur durch, mit Rücksicht auf die Sängerriege. Ganz stark gelingen die schnellen Charakter- und Motivwechsel im Orchester. Genauso zwingend gestaltet der Dirigent die Dynamiken: Die Verwandlung Alberichs in den Riesenwurm passiert eben nicht auf der Bühne, sie geschieht im Orchester. García Calvo scheint den Wurm durch die crescendi und decrescendi aus den Tuben herauszuwinden. (…)
Chemnitz sei das sächsische Bayreuth, so sagt man dort. Ein ambitionierter Vergleich. Aber enttäuscht sein werden die Pilger sicher nicht.

Nora Sophie Kienast

„Der neue Merker“ schreibt in Ausgabe 03/2018

Auf den ersten Blick scheint die Welt noch in Ordnung zu sein. Die Rheintöchter schwingen an Seilen durch die Naturidylle in der Tiefe des Rheines. Der Schein trügt. Ein zotteliges Etwas mit einem Riesengemächt betritt die Szene und weidet sich mit lüsternem Blick an dem ausgelassenen Spiel der nackten Mädchen. Begehrlichkeiten werden wach. Und seid ihr nicht willig, dann brauch ich Gewalt! Alberich stürzt sich brutal auf die Mädchen. Er skalpiert sie buchstäblich. Wie eine Trophäe schwingt er die goldenen Haare durch die Lüfte (…). Zeuge dieses Vorganges wird ein Paar im Business Outfit, die verspätet den Zuschauerraum betreten, sich durch die erste Reihe tasten, um wenig später auf der Bühne auf zwei Theaterstühlen Platz zu nehmen. (…)
Verena Stoiber, die Regisseurin dieser Produktion, hält sich mit Sophia Schneider, die für Bühne und Kostüme verantwortlich zeichnet, weniger an die szenischen Vorgaben des Stückes, dafür aber umso mehr an die des Textes. Wotan, einer der Zuschauer auf der Bühne, scheint dem Geschehen nichts abzugewinnen. Er ist mit sich selbst beschäftigt. Dicke Mauersegmente (möglicherweise haben die Berliner diesen Anblick noch in unguter Erinnerung!) schotten ihn und die Seinen von der Außenwelt ab, mit der er freilich per Handy verbunden ist. Und in diesem Raum fristen die sogenannten Götter ein Dasein, das eintöniger und beschränkter nicht sein kann. Diese Superreichen wissen mit sich selbst nichts anzufangen. Im wahrsten Sinne des Wortes: Armselige Götter! In Bedrängnis geraten sie durch die Riesen. Die Bauherren karren Aktenordner herein, pochend auf die Einhaltung der Verträge. Verträge! Was sind schon Verträge! Der listige Loge weiß, wie man Fafner und Fasolt eventuell doch zufrieden stellen kann. Gemeinsam mit Wotan begibt er sich nach Nibelheim. Alberich ist zum Unternehmer mutiert. Er betreibt ein zwielichtiges, aber vermutlich sehr eindringliches Gewerbe. Einen Versandhandel? Verpackungsmaterialien lassen darauf schließen. Im Untergeschoss des Gebäudes müssen Kinder Arbeit verrichten. Im Obergeschoss prostituieren sich junge Frauen. Und seid ihr nicht willig, dann brauch ich Gewalt. Gewalt! Immer wieder Gewalt! (…) Das alles hat Verena Stoiber kurzweilig und spannend auf die Bühne gebracht. (…) Und alle die, die Wagner bislang zu schwer und zu lang empfanden, revidieren möglicherweise ihre Voreingenommenheit! (…)
Der Abend kann sich musikalisch hören lassen. In der von mir besuchten Aufführung stand Felix Bender am Pult der mit Wagner bestens vertrauten Robert-Schumann-Philharmonie. Diszipliniert und aufmerksam folgte er der Szene. Transparenz war ebenso angesagt wie relativ flüssige Tempi. (…)
Als Wotan begegneten wir Krisztián Cser, der ohne Speer und Augenklappe auskommt. Ein machtbesessener Politiker, der nur auf seinen eigenen Vorteil sinnt. Dem ist nichts heilig. Selbst für ein Selfie mit einer Putzfrau ist er sich nicht zu schade. Zustimmung ernten derartige ‚Politiker‘ kaum. Es sei denn, sie singen so wie der ungarische Bass-Bariton. Eine echte Entdeckung. Mit voluminöser, höhensicherer und kerniger Stimme nahm der Sänger für sich ein. Kraftvoll und textverständlich hielt er seinen Part von Anfang bis Ende durch. Einen windigen und verschlagenen Loge stellte Benjamin Bruns auf die Bühne. Seine pointierte Gestaltung orientierte sich durchweg am Text. (…) Monika Bohinec singt mit runder und dunkel gefärbter Stimme die Fricka. Maraike Schröters ausgesprochen schöner und glänzender Sopran lässt aufhorchen (…) zu dieser Freia(…). Jukka Rasuilainen war einst selbst Wotan. Den Alberich gestaltet er absolut rollendeckend. Mit seinem robusten Material verleiht er diesem Emporkömmling einen entsprechenden Charakter. (…) Textverständlichkeit (…) war bei Edward Randall als Mime durchweg gegeben. Der Geschundene fand auch entsprechende Zwischentöne. Zugleich lässt er Gefährlichkeit aufblitzen. Grundsolide agierten in Gesang und Spiel die beiden Bassisten Magnus Piontek als Fasolt und James Moellenhoff als Fafner. (…) Erda (…) Bernadett Fodor ist eine Offenbarung. Ihre Mahnungen, die mit nahezu pastoser Stimme vorgetragen werden, haben Gewicht. Die drei Rheintöchter, dargeboten von Guibee Yang, Sylvia Rena Ziegler und Sophia Maeno, konnten sich hören und sehen lassen. Das Unbeschwerte ihres Gesanges zu Beginn der Oper wich am Ende einem flehenden Hilferuf. Sie versinken im Wohlstandsmüll.
Chemnitz ist um eine Spielplanattraktion reicher geworden. Die zuschauer haben diese Lesart verstanden, werden sie doch beinahe tagtäglich mit ähnlichen gesellschaftlichen Problemen konfrontiert. (…)

Christoph Suhre

Die „Frankfurter Rundschau“ schreibt am 07.02.2018

Verena Stoiber überzeugt (…) mit einem durchdachten und zutiefst menschlichen ‚Rheingold‘. 
(…) Lange kein so durchdachtes, gewitztes und ausgefeiltes ‚Rheingold‘ gesehen wie das von Verena Stoiber. Die musikalische Seite regelt Guillermo García Calvo gewieft (…) und Zukäufe bei den Sängern sorgen für ein beträchtliches Gesamtniveau.
‚Das Rheingold‘ (…) bietet sich natürlich an für eine Lesart, wie Stoiber sie nicht nur versucht, sondern trefflich durchführt: eine sehr menschliche, auch quasi bodenständige. Wenn Wotan von Erda an das Ende erinnert wird, schwebt ihm keine Götterdämmerung vor. Er selbst ist es als alter Mann, der sich wie in einem Spiegel entgegenkommt (…) eine erstaunlich ergreifende Szene.
Sie funktioniert, weil Bernadett Fodor eine unerwartet ausgreifende Erda-Stimme bietet, aber auch, weil die Chemnitzer einen relativ jungen Wotan eingekauft haben, den 40-jährigen Ungarn Krisztián Cser. Sängerisch ist er kernig und geschmeidig. Darstellerisch ist er eine Wucht: Jugendlich und ungezogen, ein Bruder Leichtfuß, der sich mit Fricka gut versteht, der keineswegs unsympathischen Monika Bohinec, mit der er zur Ouvertüre zu spät ins Theater kommt (grandios, Wotan schläft sofort ein). Die Begegnung mit dem eigenen Altern (damit rechnen Götter nicht) verändert ihn bereits deutlich. Das Zauselhaar gestriegelter, geht er am Ende etwas nebenbei seitlich ab: Das Bild zur pompösen Schlussmusik gehört den Rheintöchtern, die sich (nach dem Sündenfall) Kleider suchen und als Prostituierte verdingen müssen. Stoibers Blick ist psychologisch interessiert und zu Ende gedacht, aber auch politisch. Die Rheintöchter in Nacktanzügen und mit gelbgoldenem Haar – zusammen mit dem Haarschmuck ist das das Rheingold – schwingen geschickt an Seilen, Alberich ist ein Tierwesen, am Boden kröpelnd. Eine echte Urszene. Loge, auch er am Rand auf einem Theatersitz schon dabei, beendet sie, indem er Alberich ein Messer reicht. Loge als Strippenzieher (…), beglaubigt hier (…) durch Benjamin Bruns‘ lebhaftes Spiel und metallisch glänzenden Tenor.
Die Gewalt ist in der Welt, der Kapitalismus folgt auf dem Fuß, und Walhall ist dann bereits die Berliner Mauer, deren Tür Fricka vergeblich sucht. Freya war eben wieder shoppen, und Alberich lässt die Nibelungen nicht das Gold mehren, sondern Waren herstellen. Er, ein Zuhältertyp, den Jukka Rasilainen lässig darstellt und stark singt, nutzt ein Stockwerk seines Reichs zur Kinderarbeit, ein anderes als Bordell.
Niemand steht hier einfach herum: Freya – wenige Regisseure scheren sich um sie: Ist er das womöglich, der weibliche Blick? – wird von Stoiber als nölende Pubertierende gestaltet. Maraike Schröter spielt das unbedingt mit, wird von Ausstatterin Sophia Schneider auch als Püppchen eingekleidet. Man sieht die verratene und verkaufte Göttin als trotziges, verwöhntes Kind, dessen Unreife und innere Abwesenheit das Folgende – vor allemk das letztlich unveränderte Hervorgehen aus dem finsteren Handel – begreiflich macht.
(…)

Judith von Sternburg

Die „Mitteldeutsche Zeitung“ schreibt am 06.02.2018

(…)
Bei der Bewertung von Regie geht es (…) nach Kriterien wie Stringenz, gesellschaftliche Relevanz, Witz, Musikalität, Erkenntnisgewinn und Handwerk. Und davon findet sich im ‚Rheingold‘ (…) jede Menge.
Der neue Chemnitzer Generalmusikdirektor Guillermo García Calvo hat am Pult der Robert-Schumann-Philharmonie sekundiert. Mit Liebe und Respekt zur Musik des Meisters. Ohne mit Götterpomp zu übertreiben, immer dicht bei den Sängern. (…)
Verena Stoiber liefert einen beherzten Zugriff auf das Komödiantische in ‚Rheingold‘, feuert jede Menge witzig-kluger Einfälle ab und punktet mit einer Personenführung, wo etwa die vom nahen Ende der Götter orgelnde Erda (Bernadett Fodor) bewusst als konzertanter Fremdkörper eingesetzt wird.
In diesem ‚Rheingold‘ sind sie alle, was sie wirklich sind. Verführerisch in hautfarbenen Trikots die Rheintöchter an ihren Lianen. Animalisch verwildert der Grabscher Alberich, der ihnen ihr Gold brutal raubt. Das Götterpaar Wotan (Krisztián Cser) und Fricka (Monika Bohinec) ist ein taffes Führungsduo von heute. Erzkomödiantisch der pfiffige und stimmschöne Loge von Benjamin Bruns. Sinnfällig: Walhall als Abbild der Mauer und die Bordell-Etage eines Nibelheim, das aus der Unterbühne hochfährt. Alles spannend und auch witzig. (…)

Joachim Lange

Die „Leipziger Volkszeitung“ schreibt am 05.02.2018

(…) Langeweile? Keine Sekunde! Spannungs- und Anspruchspotenzial sind enorm (…) Calvo (…) mischt frische Farben in die wagnererprobte Robert-Schumann-Philharmonie, die das freudig aufgreift. Man hört es deutlich. Calvo favorisiert einen durchsichtigen Zug, der die führende Rolle der Blechbläser herausmodelliert. Bis in die kräftigsten Aufwallungen agiert er sehr sängerfreundlich, mit deutlicher Gliederung musikalischer Perioden (…). Aus der ariosen Prosa heraus gewährt Calvo den Solisten immer wieder geschlossene Perioden. Der meist sehr guten Textverständlichkeit schadet das nicht. Vorbildlich sind die reaktionssicheren Verzahnungen von Szene und Musik: Calvo zeigt einen tieflotenden Theaterpuls.
(…) Die Welt ist in Verena Stoibers Regie ein einziges Horrorszenarium. Die ‚seligen Götter‘: Eine bildungsferne Superreichen-Meute, die Ressourcen und Finanzen ihren allerbilligsten Lüsten opfert. Am Ende bleiben sie gefangen in einer Burg Walhall, die als Betonmauer die Öffnung zum Rest der Welt verhindert. Richtige Arbeit gibt es nicht mehr: Nibelheim ist nach Sicht der Bühnenbildnerin Sophia Schneider ein Versanddepot, in dem Kinder Schnürsenkel in Schuhe winden und sich trostlose Nutten zur ‚Sexflat‘ darbieten. Männer sind dumpfe Machtbolzen, Frauen psychisch deformierte Zicken wie die leere First Lady Fricka (Monika Bohinec) und die eklig infantile Shopping-Queen Freia (Maraike Schröter). Ein trauriger Riss geht durch die Welt seit dem Raub des Rheingolds: Der Grund des Rheins gleicht einer fast jugendstilhaften Naturszenerie. Unschuldig nackte Rheintöchter schwingen auf Seilen, ein riesiges Gemächt raubt dem borstig-hässlichen Satyr Alberich (Jukka Rasilainen) den allerletzten Rest Besinnung. Das Rheingold sind die wallenden Haare der Rheintöchter, die Alberich brutal skalpiert. Diese Urszene trennt die Geschlechter für immer. Deshalb wird Alberich zum Jack the Ripper des Online-Handels und schlachtet Sexarbeiterinnen.
Sex-Gier und Sekt-Gier im wechsel. In dieser Verrohung schaffen Waren lediglich Kurzzeit-Befriedigung. Fafner (von Leipzig nach Chemnitz: James Moellenhoff) tötet Fasolt (Magnus Piontek) mit einem Golfschläger. Nur eine einzige anrührende Szene gibt es, wenn die bewegend ausladende Bernadett Fodor als Erda den windigen Finanzmagnaten Wotan (Krisztián Cser) mit seinem vergreisten Alter Ego konfrontiert. Trübe Zukunft! (…) Gesungen wird auf beeindruckendem bis (…) sehr hohem Niveau.

Roland H. Dippel

Die „Freie Presse“ schreibt am 05.02.2018

(...)
Man muss lange suchen, um eine zweite Oper zu finden, der es so eklatant an positiven Identifikationsfiguren mangelt, wie dem ‚Rheingold‘. Die Inszenierung von Richard Wagners Oper durch Verena Stoiber, die (…) im ausverkauften Chemnitzer Opernhaus Premiere feierte, macht das deutlich. Ob Götter, ob Zwerge, ob Riesen - am Ende suchen alle ihren Vorteil auf Kosten des anderen. (…) Der von Sophia Schneider ausgestatteten Inszenierung gelingt es mittels Kenntlichmachung durch Verfremdung sehr anschaulich, die mythische Geschichte um Geld, Gold und Macht ins Hier und Jetzt zu holen.
(...) Wotan, von Krisztián Cser mit der nötigen Machtattitüde als Jungmanager im blauen Business-Einreiher sinnfällig verkörpert, hat sich von Fasolt (Magnus Piontek) und Fafner (James Moellenhoff), zwei mausgrauen Buchhaltertypen, die jedem dienen, der sie bezahlt, eine Götterburg hinklotzen lassen. Deren auf der Bühne sichtbarer Teil sieht aus wie die Berliner Mauer, nur ohne Betonrolle obendrauf. So irdisch-bodenständig wie die Götterarchitektur zeigt sich auch die Familie. Darunter Fricka, Wotans Frau (Monika Bohinec), setzt ihre Macht über den Gemahl diskret ein, ihre Schwester Freia (Maraike Schröter), das Faustpfand für die Burg, ist ein naiver kleiner Trampel im Backfischalter, Loge (Benjamin Bruns) ein schmieriger Rechtsberater, von dem man keinen Gebrauchtwagen kaufen würde.
Nicht viel besser steht es mit Alberich (...): Ein Selfmademan mit gegeltem Haar und Goldkettchen, der die Macht, die ihm das Rheingold schenkt, dazu nutzt, die Nibelungen zu versklaven - als Zuhälter und Profiteur von Kinderarbeit. Das deutet die umfangreiche Statisterie im doppelstöckigen Bühnenaufbau seines Firmensitzes an - quasi eine Firma Alberich. Der Schatz, den er angehäuft hat, ist von der Natur jener kurzlebigen Waren, die sich der Kunde heute online ins Haus holt - von Schuhen über den Mixer bis zum LED-Fernseher.
In diesem Umfeld ‚funktioniert‘ die Geschichte, und indem Verena Stoiber sie aus der Märchenwelt holt, erkennt der Zuschauer, dass er sich hier in einem Schurkenstück befindet, vom unrecht Gut, das nicht gedeihet: Ein sittenwidriger Bauvertrag soll geheilt werden, indem den Gläubigern Raubgut zukommen soll, das schon der Beraubte unredlich erworben hat. (...) Interpretationen bietet so ein Stoff zuhauf. Man muss nur in die Zeitung schauen.
(...) höchste Anerkennung (...) für eine zweieinhalbstündige Teamleistung, die gesanglich, an Bühnenpräsenz und Glaubwürdigkeit der Charaktere keine Wünsche offen ließ. Da ragten indes auch ob ihrer Schlüsselrollen Jukka Rasilainen, Krisztián Cser, Monika Bohinec, Bernadett Fodor und Benjamin Bruns noch ein Stück heraus.
Mit Leistungen, die ohne die Robert-Schumann-Philharmonie unter ihrem für Richard Wagners Musik glühenden Zuchtmeister Guillermo García Calvo freilich nicht diesen Glanz ausgestrahlt hätten. Das Orchester stellte den Gesang auf einen so farbigen wie transparenten, dynamisch stets angemessenen Klangteppich. (...)

Torsten Kohlschein

Die „Morgenpost Chemnitz“ schreibt am 05.02.2018

(…)
Alberich wird machtvoll gesungen von Jukka Rasilainen. Benjamin Bruns spielt den listigen Loge geschmeidig wie eine Katze. Eindrucksvoll ist Bernadett Fodor (Erda), die mit ihrer Stimme das Publikum in ihren Bann zieht.
Verena Stoiber hat das rund zweieinhalbstündige Stück (ohne Pause) modern-provokativ und mit viel Zeitkritik inszeniert. So wird der machthungrige Alberich Herr einer Art Arbeitslager und Bordell, Gott Wotan schießt Selfies der Götterburg und aus der Gier nach Gold wird Konsumgier.
(…) Sänger und Musiker (musikalische Leitung: Guillermo García Calvo) mit tosendem Applaus und Bravo-Rufen gefeiert (…)

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