Spielplan

Beate Uwe Uwe Selfie Klick

Fr
19.
Mai
Schauspiel

Beate Uwe Uwe Selfie Klick

Eine europäische Groteske (Uraufführung)

Schauspielhaus-Ostflügel
 
 

Textfassung von Laura Linnenbaum mit Texten von Gerhild Steinbuch und dokumentarischem Material
Produktion des Figurentheaters Chemnitz in Kooperation mit dem Schauspiel Chemnitz

Fünf Figuren treten in Laura Linnenbaums Inszenierung an, um sich zum NSU zu verhalten. Dafür greifen sie allgegenwärtige Diskurse um den Münchner NSU-Prozess auf. (Beate Zschäpe als Opfer? Drei-Täter-Theorie? NSU-Unterstützernetzwerk? Rolle des Verfassungsschutzes? Linke Propaganda gegen rechte?) Überfordert von der Vielzahl der Narrationen, ziehen sie sich an einen utopischen Strand zurück, endlich allein mit sich und der Welt. Von dort aus wehren sie alles Störende und Fremde der überaus komplexen Welt ab, bis sie sich in die Neue Rechte verwandelt haben. Sie übernehmen dabei Sprach-, Diskurs- und Verhaltensmuster, die bisher der Linken vorbehalten waren, wie z. B. jenes Thema um die Gleichberechtigung von Frauen, und provozieren.

Die Autorin Gerhild Steinbuch und die Regisseurin Laura Linnenbaum waren aufgefordert, für das Theatertreffen Unentdeckte Nachbarn (1. bis 11. November 2016) ein Theaterstück über die NSU-Aufarbeitung zu entwickeln, das vor allem die wenig diskutierten Opferpositionen und die Frage nach den Netzwerken bzw. Unterstützern des NSU u. a. in Sachsen und Thüringen thematisiert. Im Sommer 2016 schrieb Gerhild Steinbuch an der Textvorlage. Sie verband das Thema NSU mit den aktuellen heftigen Diskussionen um die Migrationspolitik in Deutschland und dem europaweiten Erstarken der sogenannten Neuen Rechten. Steinbuch widersetzt sich der Sprachvernutzung durch die Identitäre Bewegung und dekonstruiert deren Strategien in durchaus unterhaltsamen Sprachspielen. Regisseurin Laura Linnenbaum kombiniert für ihre groteske Inszenierung Steinbuchschen Text mit dokumentarischem Material. Die Regisseurin fokussiert auf das Verdrängen von Opferperspektive und Netzwerkdiskussion, auf den Versuch, die Neue Rechte zu verstehen, verschafft  dem Streitobjekt Sprache Geltung sowie der Überforderung vieler Menschen durch die Masse an Informationen inklusive der Gefährdungen, welche sich aus kurzschlüssigen Antworten auf komplexe Fragen ergeben. Dies alles geht sie gemeinsam mit ihrem Team aus Schauspielern und Puppenspielern mit Mitteln der Performance, des Puppen- und Objekttheaters sowie des Schauspiels an.

Beate Uwe Uwe Selfie Klick feierte Premiere im Rahmen des Theatertreffens Unentdeckte Nachbarn, das vom 1. bis 11. November 2016 in Chemnitz und Zwickau stattfand. Zum Theatertreffen eingeladen waren Inszenierungen, die in herausragender Weise den NSU-Komplex und die Folgen für die Zivilgesellschaft, insbesondere die Opfer, künstlerisch reflektieren.

Beate Uwe Uwe Selfie Klick war im Rahmen des Heidelberger Stückemarkts 2017 im Zwinger 1 in Heidelberg zu sehen. Damit wurde diese Chemnitzer Produktion ins Gastspielprogramm eines der bedeutendsten Festivals der Bundesrepublik in puncto Neue Dramatik aufgenommen.

Kooperation mit den Grass Liftern / ASA-FF. e.V. und mit dem Schauspiel Chemnitz
Gefördert von der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen
 

Spielort:Schauspielhaus-Ostflügel
Spielzeit:1 h 30 min / keine Pause
Altersempfehlung:ab 16 Jahren
Information:Nachgespräch nach jeder Vorstellung
Premiere:02.11.2016
Fr, 19. Mai | 20:00 Uhr  

Videomedien zum Stück

Video

Inszenierungsteam des Stückes

Inszenierungsteam
Regie Laura Linnenbaum

Text Gerhild Steinbuch

Ausstattung Valentin Baumeister

Puppenbau Angela Baumgart

Dramaturgie René Schmidt

Pressestimmen zum Stück

Pressestimmen

„Dresdner Neueste Nachrichten“ schreiben am 09.11.2016

Die Aufklärung über Entstehungs- und Wirkungsgeschichte des medial meist auf NSU reduzierten Terrortrios – einst bestehend aus Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe – steckt noch in den Kinderschuhen. (…) Ein wichtiger Aspekt wird (…) in einem Theatertreffen (…) verhandelt: ‚Unentdeckte Nachbarn‘ widmet sich – genau fünf Jahre nach dem Tod der beiden Männer des Trios – deren Leben mit Beate Zschäpe im Untergrund. (…)

Der Prozess gegen Zschäpe läuft seit über drei Jahren in München, in Zwickau wurde das abgebrannte Wohnhaus zur Wiese – gegen das Vergessen gründete sich die Initiative ‚Grass Lifter‘ – mit dabei die damalige Leiterin der dortigen Puppensparte, Gundula Hoffmann. Nun ist sie seit zwei Jahren in gleicher Funktion in Chemnitz und ihre Sparte Mitveranstalter des Festivals und damit Auftraggeber für den Höhepunkt.

Den lieferte Laura Linnenbaum im Ostflügel. Die 1986 geborene Nürnbergerin, die als profunde Kuratorin die zehn eingeladenen Theaterproduktionen aus 80 Stücken zum Sujet bundesweit auswählte, wurde von Hoffmann (…) auch als Regisseurin für die Uraufführung ‚Beate Uwe Uwe Selfie Klick – eine europäische Groteske‘ gebucht und brachte die Wiener Autorin Gerhild Steinbuch ins Spiel.

Diese tauchte tief in den Duktus der mutmaßlichen NSU-Versteher ein und schuf eine Textfläche, die in Anlehnung an überlieferte NSU-Urlaubsidyllen am Ostseestrand spielt und von Linnenbaum mit dokumentarischem Material angereichert und auf fünf Typen verteilt wird. Diese macht das Quintett, bestehend aus drei Puppen- und zwei Schauspielern, zum dynamischen Kollektiv, die alle sich selbst spielen und ab und an zwei aussagekräftige Puppen, entworfen von Angela Baumgart, bedienen: einen blonden Riesenkopf als debilen V-Mann und Beate Zschäpe als lebensgroße, leicht obszöne Strandmadame, die – wie man sie im wahren Prozessleben kennt – nichts sagt.

Doch sie sind nur Randfiguren, denn es trifft sich am Welthauptstrand Europa die neue deutsche Jugend, aufgewachsen mit Pippi Langstrumpf als Lehrmethode, und erklärt sich abgeschottet mit einer Strandburg aus kleinen Euro-Holzpaletten den ganzen Vorfall. Möglichst ohne neue Informationen aufnehmen zu müssen, allerdings mit der akuten Flüchtlingssituation als Schablone, die den NSU wohl vollends um den Verstand gebracht hätte.

Das geschieht in 90 Minuten als unterhaltsame, parodistische Abklärung mit viel Ironie und Weitsicht – ohne die übliche Erklärkeule, sondern mit feinsinnigen Klingen, auch jenen giftigen besserer Argumente. Dabei überzeugen alle, vor allem die Puppen- als Schauspieler. Der junge Münchener Ausstatter Valentin Baumeister baute neben dem Palettenstrand ein sinniges Spiegel-Glashaus für Beate und den V-Mann, aus dem dieser dann ausbricht. (…)

Andreas Herrmann

Der „Mannheimer Morgen“ schreibt am 04.11.2016

Der alltägliche Faschismus
Der Mann vom Verfassungsschutz ist ein schmaler Kerl mit einem überdimensionalen, blonden Kind(s)kopf. Dieses Wesen zwischen Mensch und Puppe hütet einen Sack geschredderter Akten und wird von einem Männer-Trio in einem Glashaus hart verhört. Doch mehr als gestammeltes ‚Mein Amt ist nicht zuständig‘, ‚ich verwahre mich‘ kommt dabei nicht heraus. Dies ist eine der Schlüsselszenen in einer Stückentwicklung am Schauspiel Chemnitz: ‚Beate Uwe Uwe Selfie Klick‘. Die Namen deuten auf das Trio Zschäpe, Böhnhardt, Mundlos des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) hin, doch ob sie es sind, bleibt offen, es geht um viel mehr – um rechte Strukturen und Verbindungen.

Polizeiakten im Originalton
Die österreichische Autorin Gerhild Steinbuch hat diese ‚europäische Groteske‘ geschrieben, Regisseurin Laura Linnenbaum, die die Uraufführung inszeniert hat, hat den Text um Dokumente ergänzt: wohl hauptsächlich Polizei- und Gerichtsakten, deren gestelztes Juristendeutsch in indirekter Rede wiedergegeben wird. Die Szenerie auf der kleinen Bühne des ‚Ostflügels‘ des Schauspiels Chemnitz hat etwas von Werkstatt und zugleich Urlaub: Paletten stapeln sich, Akten und Ordner liegen herum, fünf Personen liegen dort.

Sie wollen sich von der Welt und ihren Wirren an den Strand zurückziehen; doch bald schleichen sich Begriffe ein, die die Ferienfassade bröckeln lassen: ‚dieser unser Boden‘, in den Koffer kommt neben Sonnenspray und Katzennahrung auch ein Brandsatz und sie wollen hier den ‚Welthauptstrand Europa‘ buddeln.

Es sind auch fünf Darsteller (Magda Decker, Gerlinde Tschersich, Michel Diercks, Tobias Eisenkrämer, Felix Schiller), nicht nur drei, noch ein Zeichen, dass es um mehr als den NSU geht. Die Uraufführung ist Teil des Theatertreffens ‚Unentdeckte Nachbarn‘ in Chemnitz, bei dem es weitere Aufführungen und viele Podiumsdiskussionen zum Thema rechte Szene gibt. (…)

‚Beate Uwe Uwe…‘ bietet vieles: Wie Nachbarschaftsklatsch werden Zeitungsberichte über das Alltagsleben des NSU-Trios verlesen – der Normalbürger delektiert sich daran, den auch das Hitlerbild auf dem Fernseher des Nachbarn nicht stört. Die Männer bewegen im Glashaus eine Puppe, die Beate Zschäpe ähnelt, hin und her, flößen ihr Sekt ein.

Eine der eindringlichsten Szenen: Im Text wird eine Linie von den KZ-Aufseherinnen in Ravensbrück oder Auschwitz zu heutigen rechten Frauen-Organisationen wie Skingirl-Freundeskreis oder White german girls gezogen – und dazu unzählige braunglänzende Winkekatzen auf der Bühne verteilt. Ein Mann versucht immer wieder, sie in den Karton zurück zu stopfen, doch die anderen holen die Tierchen immer wieder hervor.

Ein starkes Bild in einem, notgedrungen, textlastigen Stück. Es bietet in 90 Minuten keine fertigen Antworten, sucht nach dem ‚Warum im Außerhalb‘, zeigt mögliche Strukturen und Unterstützer auf und zieht die Parallele bis hin zu den sexuellen Übergriffen in der Silvesternacht in Köln. Ob das Thema NSU, der zeitweise in Chemnitz lebte und seine Raubüberfälle vor allem in Südwestsachsen verübte, mit dem Tod von Böhnhardt und Mundlos und der Inhaftierung Zschäpes erledigt ist, beantwortet die Aufführung eindeutig mit Nein. Eine der Fragen, die sich stellt, ist: Was schützt denn nun der Verfassungsschutz?

Ute Grundmann

Die „Sächsische Zeitung“ schreibt am 04.11.2016

(…) eine Uraufführung (…), welche die Frage rund um Schuld und Verantwortung in ein rauschhaftes Figurentheaterstück übersetzt. Beate Zschäpe wird hier zur ikonenhaften Puppe, die mit dem Verfassungsschutz tanzt. Vielleicht kann Theater keine Fragen beantworten – doch es kann das Unfassbare in eine Form gießen. (…)

Johanna Lemke

Die „Freie Presse“ schreibt am 04.11.2016

Bewegtes Mitbrüllen
Das Theater Chemnitz spannt beim Festival ‚Unentdeckte Nachbarn‘ mit dem Stück ‚Beate Uwe Uwe Selfie Klick‘ einen erschreckend schlüssigen Bogen vom NSU-Terror über Pegida zu uns wohlwollend Wohlhabenden.

Beate Zschäpe ist eine Puppe. Ein stummes Irgendetwas zwischen bedauernswertem Zerfleddertsein und unterschwelligem Grusel. Bewegen? Kann sie sich natürlich nicht – alles, was sie tut, tun andere. Puppenspielerbewegt. Aber, das machte das Stück ‚Beate Uwe Uwe Selfie Klick‘ zur Uraufführung im Ostflügel des Chemnitzer Schauspielhauses (…) beim Festival ‚Unentdeckte Nachbarn‘ schnell deutlich – um Beate geht es eigentlich nicht. So, wie sie sich vor Gericht als reiner, machtloser Spielball im Terrortrio des ‚Nationalsozialistischen Untergrund‘ (NSU) präsentiert, so machen wir, die Deutschen, sie eben auch zum Spielball unseres Aufklärungsinteresses: Wir fixieren uns nur auf Beate.

Das Stück, eine Koproduktion des Chemnitzer Figurentheaters mit dem Verein ‚Grass Lifter‘, setzt in seinem Anspielungsreichtum einiges Vorwissen über den NSU-Prozess und die Ermittlungen voraus. Das macht die wortkunstreichen Dialoge und Szenen stellenweise anstrengend – aber genau das stellt sich schnell als Stärke von ‚Beate Uwe Uwe Selfie Klick‘ heraus. Auf der Bühne wird nicht versucht, mit Theaterkunst zu erklären, was die Justiz und Polizei noch nicht herausgefunden haben. Das Chaos, das in der Erkenntnislage herrscht, wird bis an die Schmerzgrenze zugelassen, bis hin zu völlig offenen Punkten wie der aktuellen Böhnhardt-DNA an der Leiche der Schülerin Peggy. ‚Ich ertrage keine neuen Informationen mehr‘, brüllt einer der Protagonisten dieses kaum halbfertige Puzzle mit sich scheinbar ständig änderndem Bild an – und man will nur mitbrüllen. Aufgeben. Dichtmachen. Doch das Stück, und das ist das an dieser Stelle hervorragend genutzte Potenzial des Theaters bei der künstlerischen NSU-Aufarbeitung, lässt das nicht zu. Vor allem die Puppenszenen erzeugen immer wieder packende, eindringliche Bilder, zeigen den Verfassungsschutz mit seinen geschredderten Akten als bedrohlich bockiges Kind, wobei dessen Ähnlichkeit zur Horrorfilm-Ikone ‚Chucky‘ wie nebenbei einen Ellenbogencheck an den popkulturellen Appeal der Zschäpe-Story verteilt. Verstörend auch die plötzlich aus der (per Toneinspielung) draußen johlenden Menge hereingetragenen nassen Kindersachen: Pegida und die Flüchtlinge scheinen uns, den sehr nah herangezerrten Zuschauer, beide gleichermaßen zu stören.

Am Ende schält das Stück sehr viele beißend offene Fragen aus dem Verschwörungsraunen, ohne sie zur eigenen Fiktiv-Version auszuschmücken – etwa zum Weiterbestehen der NSU-Unterstützerstruktur. Weshalb die Akteure letztlich keine Antworten liefern. Stattdessen bauen sie ihren ‚Welthauptstrand‘ mit Euro-Paletten zur Festung aus. Das Falsche aus vermeintlich richtigen, nachvollziehbaren Gründen. Jede Luft bleibt da weg.

Tim Hofmann

"nachtkritik.de" schreibt am 02.11.2016

Laura Linnenbaums diskurs-satte NSU-Versuchsanordnung am Theater Chemnitz
Die Puppe spricht

Frau Zschäpe ist ja nicht so fürs Reden. Jedenfalls, seitdem die Uwes nicht mehr sind und die ganze Welt sich Antworten von ihr erhofft. Muss sie ja auch nicht. Vor Gericht muss ja nichts gesagt werden, was zur Selbstbelastung beitragen könnte. Also wird Schweigen Programm. Und Beate zur Projektionsfläche. So sehr Projektionsfläche wie etwa die rohe, schwarze Rückwand der kleinen Bühne im Chemnitzer Theater-Ostflügel. Da flackern im Einlass zur Uraufführung von 'Beate Uwe Uwe Selfie Klick' die pressebekannten Fotos aus dem privaten Trio-Glück des NSU.

Denn die fünf Gestalten, die sich vom Europalettenstapel vor der Zuschauertribüne erheben, behaupten, sich ihr kleines, sandiges Utopia geschaffen zu haben: den 'Kulturhauptstrand Europa'. Und wie es sich für eine ordentliche Landnahme gehört, muss sich das kleine Grüppchen zunächst mal seiner selbst vergewissern, bald darauf das Wir-Gefühl beschwören, um dann doch auf das Selbstbewusstsein des Einzelnen zu verweisen. Da ist dann fix mal aus dem Selfie-Klick ein Diskurs-Stück geworden.

Entartete Urlaubs-Fantasie
Da gibt ein Wort das andere, nach mancher Formulierung sucht man, auch mal im Kollektiv und die eine oder andere vermeintliche Gewissheit – wie, dass man doch wieder ein wenig stolz sein dürfe – entschlüpft den sogenannten Alltagsmenschen chorisch. Von da aus holpert der Weg in die NSU-Reflexion zwar etwas. Aber die Realität bricht eben auch manchmal in den Urlaub ein – und sich ihr dann zu stellen, fällt auch nicht immer leicht.

So sitzen die beiden Damen des Ensembles, Magda Decker und Gerlinde Tschersich, mit aus Zeitungsschnipseln geschaffenen, großäugigen Handpuppen da und rezitieren Journalistenergüsse und Zeugenzitate zum NSU-Prozess in München. Währenddessen erwecken die drei Herren, Michel Diercks, Tobias Eisenkrämer und Felix Schiller, die lebensgroße Puppenbeate zum Bühnenleben und lassen sie im Plexiglasverschlag ein sekthaltiges Tänzchen wagen. Die Puppe ist schon ein toller Kniff von Laura Linnenbaum. Wer käme denn auf die Idee, schon jetzt, noch während des Prozesses, eine Beate Zschäpe-Bühnenfigur 'in real' zu verkörpern? Im Fernsehen schon längst geschehen. Wie eine weitere großartige Szene schmerzlich erinnert: Schiller und Eisenkrämer beschreiben mikrofonbewährt und effekthaschend den Biopic-Stil von Fernsehbildern, die statt einem Opfer ein Gesicht zu geben, der Täterin Zschäpe folgen. Auf den Hinweis, wie schmal und gefährlich der Grat zur Ikonisierung ist, können sie nach der Nummer getrost verzichten. Soweit, so großartig.

Im Plexiglas-Sicherheits-Kasten
Die Konstruktion von 'Beate Uwe Uwe Selfie Klick' ist kompliziert. Darauf verweisen schon Vorankündigung und Programmheft: Für das derzeit in Chemnitz stattfindende Festival 'Unentdeckte Nachbarn', das sich mit überraschend vielen (Gastspiel-)Inszenierungen und reichhaltigem Rahmenprogramm dem NSU-Komplex widmet, waren Autorin Gerhild Steinbuch und Regisseurin Laura Linnenbaum aufgefordert, ein Stück zu entwickeln.

Entstanden ist eine Fassung aus Texten von Steinbuch und aus dokumentarischem Material. Was zur Uraufführung kommt, ist eine groteske Collage-Mixtur, ein mit Puppenspiel angereicherter Diskurspop-Denkraum. Jeden Sprung zwischen Prozessprotokoll und Utopia-Poesie der Autorin Steinbuch nachvollziehen zu wollen, würde den Anreiz zerstören, den der Abend schafft. Es ist ein wenig, als würde man Archäologen dabei zusehen, wie sie gleich unter ihren Fußabdrücken nach Zeugnissen der noch gar nicht vergangenen Geschichte suchen. Natürlich finden sie dauernd etwas.

Man kommt nicht umhin, auch über Schuld oder gleichgestellte Täterschaft von Männern und Frauen nachzudenken: was für ein Gedanken-Kick, wenn sich Decker in der Behauptung verstrickt, große Taten würden von großen Männern, kleine Taten von Männern begangen. Es ist auch sinnfällig, in einer NSU-Versuchsanordnung den Verfassungsschutz auftreten zu lassen. Genau so, wie diesen als übergroßen Pappmaché-Kopf einem der Spieler aufzusetzen und ihn sich mit geschredderten Akten die Ohren zuhalten zu lassen.

Linke Rhetorik rechts vereinnahmt
So wahnwitzig es ist, dass jahrelang eine Neonazi-Terrorzelle in Deutschland morden konnte und kurz darauf unter dem Deckmantel der Selbstermächtigung in Sachsen Tausende völkische Parolen skandierend durch die Straßen ziehen, so nötig ist es, sich diesem Ausmaß künstlerisch zu stellen. Dabei werden Anreize geschaffen, nicht denk- und reflexionsfaul zu werden. Auch wenn nicht jeder Rückschluss von linker Rhetorik auf rechte Vereinnahmung und nicht jeder dramaturgische Übergang vom Gerichtsprozess an den Strand aufgeht.

Kurz vor Schluss bindet fast unbemerkt im Hintergrund ein wunderschön absurdes Bild den Abend: die schmale Puppenbeate und der riesenkopfige Verfassungsschutz wiegen sich tanzend. Hätte die Regisseurin das ausgestellt und großartig kommentiert, hätte das banal bis billig wirken können. Aber Laura Linnenbaum hat ein Händchen für hintergründigen Effekt.

Lukas Pohlmann

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