Yvonne, Prinzessin von Burgund

Freie Presse, 06.02.2012:

"Knallige Typen in Schwarz-Weiß
Mit scharfgestochenen Bildern von 'Yvonne, Prinzessin von Burgund' gelingt Mateja Koležnik in Chemnitz eine moderne Parabel über den Wert eines Menschen
Wie schön bissig Theater sein kann, beweist die Slowenin Mateja Koležnik mit einer extravaganten, sehr präzisen Inszenierung der 'Yvonne, Prinzessin von Burgund' des Polen Witold Gombrowicz (1904-1969). Hier werden aus steifen Majestäten Schicht um Schicht armselige Menschen, deren Kommunikation längst beendet ist. Und die nur Hohlkörper zulassen, ihresgleichen. Der Rest muss weg.
Merken wird man sich von dieser Inszenierung die Riesenbälle, (...) die gleich zu Beginn von oben auf die ansonsten funktionale schwarze Bühne stürzen (Bühne: Henrik Ahr). Was den Rahmen schafft für ein grandioses Spiel, für eine scharfe, präzise Sprache, für langsame, eindringliche Bilder mit genau gezeichneten Personen, die ab Körpermitte unsichtbar bleiben, weil sie in den Bällen stecken. Doch schade, viel zu wenig Besucher kamen ins Schauspielhaus, um das 90-Minuten währende Stück voller Spannung und heiß laufender Dramatik mitzuerleben.
Vieles an dieser Inszenierung mit seinen knalligen Typen in den Grundfarben Schwarz und Weiß ist außergewöhnlich, allen voran die Titelheldin (Annett Sawallisch), die bis auf zwei, drei Einlassungen schweigt. Doch sie ist die Braut des Prinzen, bald schon wird sie als Eindringling in den funktionierenden Hof und seiner steifen Etikette empfunden. Ist sie schön? Nicht? Ein Trauerkloß, der nicht zur Gesellschaft passt, ein Mensch, der als Bedrohung empfunden wird, der vernichtet werden muss. Bis auf wenige Regungen bleibt Yvonne stumm, das Wenige, das nach außen dringt, zelebriert sie in sonderbarer Langsamkeit, aber wenn sie einmal lächelt, geht die Sonne auf. An dieser merkwürdigen Person zerreibt sich also ein ganzer Hofstaat, allen voran der König (Bernd-Michael Baier) und die Königin (Ellen Hellwig). Zerstörerische Energien nehmen ihren Lauf. In steife Kostüme gezwängt, die ihre Figuren kerzengerade aufrecht zu halten scheinen, funktionieren die Majestäten nach Gesellschaftscode, keine Freude, kein Lächeln und schon gar keine Spontaneität geht von ihnen aus, nur Pflicht und ewiges Missvergnügen. Ihre dunklen Sehnsüchte bleiben streng verschlossen. Dementsprechend ist Prinz Philipp (Sebastian Tessenow) ein Schnösel, wenn auch ein niedlicher. Vielleicht hätte er die Möglichkeit, ein fröhlicher, ungezwungener, selbstbestimmter junger Mann zu werden, doch auch er erfüllt die höfischen Erwartungen. Und als er in melancholischer Stimmung Yvonne trifft, gibt er sie zum Abschuss frei. Was für ein Riesenspielzeug!
Eine tolle Groteske, bei aller Ernsthaftigkeit unterhaltsam im Aufbrechen von Vorurteilen."


Chemnitzer Morgenpost, 6.2.12:

"Heiliger Schauder

Was Hormone so bewirken: 'Mein Gott, ist die hässlich', stöhnt König Ignaz über die Verlobte seines Sohnes. Wenig später sabbert er sich brünstig wie ein Viech direkt unter den Rock dieser 'Yvonne, Prinzessin von Burgund'.

Der polnische Zyniker Witold Gombrowicz (1904-1969) schrieb diese Groteske 1935 (uraufgeführt 1957), die slowenische Regisseurin Mateja Koležnik zeigte sie am Freitag im Chemnitzer Schauspielhaus als höchst possierliche Satire auf die Verblödung in der Möchtegern-Gesellschaft: Aus einer Laune heraus schnappt sich der quartalsrenitente Thronfolger Philipp die, sagen wir mal, rustikale Yvonne und führt sie als Verlobte in die verschreckte Familie ein. Zugegeben, diese Braut passt nicht rein, trägt Blümchenkittel, steht gut im Fleisch, sagt wenig. Mehr braucht es nicht, um die Sippe zu enttarnen. 'Töten, töten, töten' wird die Königin krächzen und „Wasch dich erst mal, Alte“ vom Gatten zu hören bekommen.

Wortwitz ohne Ende, eine große wie simple Bühnenidee in Schwarz (zugekippt mit Großballons zum Bewerfen, Zerplatzen, Verstecken, Herausglotzen: Henrik Ahr), uniformähnliche weiße Kostüme (Alan Hranitelj), bedrohliche Musik (Coco Mosquito), auch paar Ungereimtheiten, aber vor allem: Das Ensemble ist ein burgundisch-komödiantischer Leckerbissen. Mit beängstigender Ruhe Annett Sawallisch (Yvonne). Ellen Hellwig und Bernd-Michael Baier machen uns ein verkorkst-präsidiales Königspaar, dazu mit Hinterngewackel Hofdame nebst Kammerherr (Caroline Junghanns/Hartmut Neuber), ein gelangweilter Prinz mit zu allem dienstbereiten Freund (Sebastian Tessenow/Yves Hinrichs).

Den Kammerherrn erfüllt es mal mit 'heiligem Schauder'. Uns auch. Bei allen Feixern will man die düstere Botschaft erkennen: Es wird mit uns Menschlein sein wie immer! Passt auf Anstand auf, und auf die Gräten beim Fischgericht!"


Dresdner Neueste Nachrichten, 11.02.2012:

"Mythos als Fehlprojektion
(…) Die späte Erstaufführung von Witold Gombrowiczs 'Yvonne, Prinzessin von Burgund' im Chemnitzer Schauspielhaus (...) besticht durch ihre Ästhetik und konsequente Stilisierung. Bis zum Detail durchdacht, bleibt sie doch rätselhaft, sucht keine Erklärung für das Unerklärbare, Unformbare, in dem die eigentliche Provokation des Stückes besteht. Die slowenische Regisseurin Mateja Koleznik, die damit ihr Debüt an einem deutschen Theater gibt, verzichtet bei ihrer Inszenierung dieses Klassikers der Moderne auf jede konkrete Form von Aktualisierungen, setzt dafür gemeinsam mit Henrik Ahr (Bühne) und Alan Hranitelj (Kostüm) auf Abstrakte und klare Strukturen, die das der Märchenwelt entlehnte Motiv bedienen und zugleich auf skurrile absurde Weise überhöhen. Der Hof erscheint in weißen Uniformen die ein wenig an K. & K. erinnern, (aber) mit ihrer Eleganz den Figuren eine äußere Würde verleihen, der sie in Wahrheit kaum gerecht werden.

Es geht um den Traum von Glück, Gerechtigkeit und Menschlichkeit, um Mythen, die eingeschlossen sind, in die Märchen von Aschenputtel, der klugen Bauerntochter und von strahlend schönen, klugen und warmherzigen Prinz, von manchmal weisen und toleranten Königen, an denen letztlich alle Intrigen scheitern – anders gesagt um die Verheißung eines für jedermann möglichen Aufstieg, dem dienen die so genannte gute Gesellschaft zu allen Zeiten das einfache Volk ruhig zu stellen sucht. Bei Gombrowicz allerdings scheitert das Exempel und läuft auf eine Farce hinaus, in der sich in diesem Fall eine Ensemble auf professionelle Weise richtig bösartig ausleben kann, ohne vordergründig den moralischen Zeigefinger zu heben oder politische Statement abzugeben.

Als eine Reisende oder Stellung Suchende steht sie da im geblümten Sommerkleid, unbeholfen und unschlüssig die rotblonde Yvonne (Annett Sawallisch). Wohl ein Mädchen vom Lande, aber ohne Gespür für schweres Wetter, und so wird sie unversehens begraben von einer Flut aus übergroßen Luftballons, die sich (...) wabernd und tückisch auf dem ganzen Bühnenboden ausbreiten. Dickicht der Wälder, Dickicht der Paläste, Irrgarten von Beziehungen, in dem man gelegentlich verschwinden, sich verbergen kann. Aber sobald man sich nicht bewegt, zieht man eine Spur aus leise hüpfenden Ballons (...).

Am Ende verbeugt sich der ganze Hof vor der Begriffsstutzigen, die auch gegenüber Annäherungsversuchen und angebotenen Delikatessen unempfänglich bleibt. Doch Yvonne macht nichts aus dem Kapital, dass ihr da unverhofft zu büßen liegt. Dass sie ganz überwiegend nicht spricht, könnte sogar von Vorteil sein, aber auch daraus macht sie nichts. Sie steht immer nur herum und bringt durch ihre Nicht-Reaktion das ganze gesellschaftliche Gefüge durcheinander. Wie sie so unerreichbar dasteht, provoziert sie auf der anderen Seite Bemühen, das keineswegs rein parodistisch, sondern durchaus auch psychologisierend und mit philosophischem Scharfsinn abgespult und reflektiert wird (...).

Wenn Gombrowicz meint, dass der Mensch den Menschen schafft, so gelingt das doch unvollkommen und manchmal besser, indem er ihn abschafft. Will heißen: Yvonne muss weg, und zwar nachhaltig unter Wahrung des schönen Scheins, auf möglichst natürliche Weise. (...) Nichts von alledem, was auf Yvonnes schönen oder hässlichen Körper projiziert wurde, hat Bestand oder erweist sich als wahr. Als sei sie nur vom Himmel gefallen, um die Falschheit und Verlogenheit sowie die törichte Bemühen der gesitteten Menschheit zu entlarven."