Chemnitzer Morgenpost, 01.10.2009:
"Goethes 'Urfaust'
hat Lübbe gleich selbst inszeniert, kurz und schmerzhaft (...). Eine bestechende, bestürzende Inszenierung. Langer Beifall."
Freie Presse, 05.10.2009:
„Goethes Urfassung ist ohnehin knapp und wenig bekümmert um Philosophie, Juristerei und Medizin und Theologie, all die Gelehrsamkeit der späteren Faust-Dichtung. Und Lübbe
ist draufgängerisch: die Bühne ist ein großer Kasten, dahinter das weite Feld, alles entleert, blank gefegt. Fausts verzweifelte Seele (er hat sie noch), Gretchens herzzerreißende Klage, das Spiel beginnt, indem es schon längst in Gang ist, und konsequent wird es zum Blutbad. In der Kargheit der Szene und dem artistischen Spieltempo ersetzt jede Geste, jede mimische Regung die Worte, die in der großangelegten späteren Fassung der Tragödie Zusammenhänge erzählen. Höchst verdichtet in Inszenierung und Spiel - Lübbes
Schau-Bühne. Das Minimale aber verlangt äußerst viel von den Darstellern, Caroline Junghanns
(Gretchen), Michael Pempelforth (Faust) und Dirk Lange
(Mephisto) bieten große Schauspielkunst.“
Mitteldeutsche Zeitung, 06.10.2009:
„Auch wenn Chemnitz nicht gleich um die Ecke liegt - in Sachen Kultur ist die sächsische Stadt eine Adresse. Die Kunstsammlungen machen regelmäßig von sich reden, die Bühnen halten sich tapfer. Und jüngst (...) hat Enrico Lübbe
mit seiner furiosen Inszenierung von Goethes ‚Urfaust‘ einmal mehr gezeigt, was er kann - wie zuvor schon am Neuen Theater in Halle. (...)
Ein riesiger Kubus steht da, in schräger Perspektive dem Betrachter zugewandt, später ein rotierender Käfig, in dem die Akteure als Gefangene ihrer selbst und des Zeitgeists auftreten und folgerichtig scheitern.
Den ersten Auftritt hat Margarete (großartig von Caroline Junghanns
gespielt), das Mädchen, die Kindsmörderin, das Opfer liegt wie tot und blutend am Boden, ‚Child in Time‘ von Deep Purple wird dazu gespielt, das Leitmotiv in Lübbes
Inszenierung. Dann wird die Geschichte erzählt (...). Gretchen aber hält vom Strahlen, das die Liebe auf ihr Gesicht legt, bis zur Würde im tödlichen Finale alle Fäden in der Hand. Ein Spiel um die Herzen, die Dame gewinnt.“
Sächsische Zeitung, 07.10.2009:
„Die Bühne dreht sich in Chemnitz und mit ihr auch Faust. Sein Kosmos ist eng, gleicht einem Käfig, einem Kerker. Seine Gedanken kreisen um den unklaren Seelenschmerz. Doch langsam wird der Horizont weiter: Die Geister wecken seine Wolllust, und Gretchen wird ihm schließlich zur Wonne. Bis zum bitteren Ende braucht Regisseur Enrico Lübbe
am Sonnabendabend gerade mal eine Stunde – und das Publikum jubelt.
Der Spielzeitauftakt auf der großen Bühne ist eine ebenso fesselnde wie betörende Inszenierung mit einem spannenden Perspektivwechsel. Denn die Chemnitzer Fassung macht aus dem Faust-Fragment ein Gretchen-Fragment. Gretchen liegt zu Anfang blutverschmiert auf der Bühne, Deep Purples ‚Child In Time‘ begleitet sie – der Rest ist Rückblick, sind Schlaglichter einer unheilvollen Begegnung. Caroline Junghanns
und Michael Pempelforth zeigen deshalb auch vielmehr die Gemütszustände ihrer Figuren als handfeste Charaktere. So sehen wir den verzweifelten Faust mit bebender Zurückhaltung und einem Schuss Selbstironie, den Begehrenden mit wilder Eile, den Erkennenden mit großer Hilflosigkeit. Und Gretchen zittert, fiebert, schreit vor Glück, bevor sie mit scheuem Blick und fester Stimme die Haltung bewahrt, um letztlich kraftlos aufzugeben. Dazwischen immer wieder der aalglatte Mephisto von Dirk Lange, der leise und bedacht zum Alter Ego von Faust wird. Der Teufel steckt in jedem. Oder im Detail? Jedenfalls lassen beide die Hüllen fallen im Spiel mit dem unerfahrenen Weib. Ein starkes Bild. Eines von vielen in dieser Inszenierung, für die Enrico Lübbe
seine gewohnt stringente Erzählweise noch forcierte.“