"Sechs Tanzstunden in sechs Wochen"

Die "Freie Presse" schreibt am 14.10.2013:

"'Sechs Tanzstunden in sechs Wochen' ist ein großer Premierenerfolg
'Sechs Tanzstunden in sechs Wochen', jüngste Premiere im Chemnitzer Schauspielhaus, ist ein Werk, das es dem Publikum leicht macht, es zu mögen. Entsprechend begeistert war die Zustimmung am Sonnabend. Denn die Zutaten zu diesem Boulevardstück von Richard Alfieri für zwei Personen sind massentauglich wie ein öffentlich-rechtliches Samstag-Abend-Fernsehen: Es schreckt vor Banalitäten nicht zurück, ist pointenreich und hat das Potenzial für Komödie und Tragödie gleichermaßen.
Krach mit Ansage
Minetti ist ein schwuler Tanzlehrer, der als schriller Vogel alle Register zu ziehen versteht. Der vom versauten Slang bis zum edlen Gemüt den Habitus eines Revuetänzers vom Broadway auf sich vereint. Lily dagegen ist eine alte Dame, die die Lebensweisheit im erzkonservativen Baptistenmilieu für sich gepachtet hat. Beide vorurteilsbehaftete Typen treffen aufeinander: Die einsame Witwe will tanzen, dafür macht sie sich außerordentlich fein. Er braucht Geld und hat null Bock darauf, den "Eintänzer in den Himmel" zu geben.
Da kann es nur krachen, bösartig, scharfzüngig, voller Unterstellungen schenken sich die beiden nichts und werden dabei beste Freude. Beide trennen gut 30 Lebensjahre, ihre Annäherung gerät zur Entdeckungsreise in fremde Welten. Allerdings mit stark vorhersehbaren Einsichten über die heitere Jugend, die Mühsal des Alters, über die Liebe, über Heteros und Schwule, über Einsamkeit und Krankheit. Und wenn Lily am Ende in seinen Armen tanzend stirbt, ist zwar die Schwelle zum Kitschigen weit überschritten, aber die Tränen im Publikum sind echt. Und die Szene ist so bilderbuch-schön wie aus der Traumfabrik Hollywood.
Federleicht und vollendet
Christine Gabsch kann das. Den Neuzugang am Schauspielhaus nach 40 Jahren am Gerhart-Hauptmann-Theater Zittau wird man für ihre zarte, fast mädchenhafte Lily in Chemnitz lieben: Ihre stilvolle, noble Heldin mit Wahrheitsdrang und vornehmer Schnauze entlädt unter harter Schale eine vom Leben und vom Alter gezeichnete, todsterbenskranke Frau. 'Appetitlich wie ein Strudel' knödelt Minetti alias Marko Bullack mit Blick auf ihr wunderschönes Wiener-Walzer-Kleid. Beide, Gabsch und Bullack, zaubern das Stück federleicht auf die Bühne. Bullack ist dabei die Überraschung des Abends. Der einstige Balletttänzer ist ein begnadeter, sportiver Pantomime, der auf der Klaviatur körperlicher Ausdrucksfähigkeit vollendet spielt.
Die Tanzstunden für Swing, Tango, Wiener Walzer, Foxtrott, Cha-Cha-Cha und Modern Dance dienen Regisseur Herbert Olschok als Folie für die Entwicklung seiner Charaktere von eindimensionalen Zeitgenossen zu mitfühlenden Wesen voller Erkenntnis. Trotz mancher Banalität, die das Stück aufweist, lotet er tief in den Gefühlen. Olschok war von 1994 bis 2000 selbst Schauspielchef in Chemnitz, er hat das Stück bereits in Zittau inszeniert und die Einrichtung für die Chemnitzer Bühne geleitet. Begeistern werden seine wunderschönen Szenen in Lilys elegantem Salon (Bühne von Ulrich Schreiber). Und getanzt wird hinreißend authentisch und emotional aufreizend." (Marianne Schultz)


Die "Chemnitzer Morgenpost" schreibt am 14.10.2013:

"Die pensionierte Lehrerin Lily Harrison und der ehemalige Revuetänzer Michael Minetti haben mindestens zwei Eigenschaften gemeinsam: Sie sind listig und lustig. Weil sie sich, drittens, gut sind.

Doch so etwas muss man erst mal merken. Lily und Michael haben dafür 'Sechs Tanzstunden in sechs Wochen' plus Bonusabschiedsstündlein gebraucht. Mehr Zeit hat ihnen zumindest Richard Alfieri in seinem Kammerspiel, das am Sonnabend im Chemnitzer Schauspielhaus Premiere feierte, nicht gelassen.

Regisseur Herbert Olschok hält sich geradezu liebevoll daran und lässt die menschenscheu gewordene Baptistenwitwe und ihren viel jüngeren, männerliebenden Tanzlehrer in seiner heiter-tröstlichen Inszenierung nicht eine Minute verplempern. Bei reichlich einem halben Dutzend Ohrwürmern - Tango, Swing, Cha-Cha-Cha, Foxtrott, Wiener Walzer und Modern Dance lernt jeder das Leben des anderen mit seinen Verletzungen, Schuldund Sühnegefühlen kennen und sein eigenes mehr lieben. Ein bisschen Kitsch muss sein, das regelt Ulrich Schreiber dezent in seinem sonnenseitigen Bühnenbild.

'Ich lache nicht', sagt die Harrison ganz am Anfang. Von paar gekünstelten Hihi-Anwandlungen abgesehen, hält sie das auch bis zum Schluss durch. Doch am Ende geschieht etwas Merkwürdiges: Es ist, als ob die immer so grandios beherrschte und nun sterbenskranke Frau den vielleicht schönsten sechs Wochen ihres Lebens heiter und erlöst hinterherlacht oder wenigstens lächelt. Die Lacher des Publikums (gut möglich wären auch paar heimliche Tränen) haben beide (bis zuletzt per Sie) auf ihrer Seite. Marko Bullack tanzt, plappert, trällert, vibriert förmlich, als wäre dieser Michael Minetti die Rolle seines Lebens. Kein derber Scherz und Blick ins Dekolleté ohne Herz. Christine Gabsch lässt Lily Harrison neben ihrem Italiener (mit 'Jesus und Fred Astaire' im Blut) parlieren, parieren, murren, schmollen und Tänzchen hinlegen, dass es eine Freude ist. Nach diesem Abend könnte auf Chemnitzer Tanzlehrer Arbeit zukommen. Viel, viel Applaus." (Ch. Hamann-Pönisch)