Illusionen

Sächsische Zeitung, 1. Oktober 2011:
"Im Versuchslabor der Liebe
Eine kleine Bar, eine winzige Kasse und einfach gezimmerte Holzbänke im Mini-Foyer: Die neue Spielstätte der Chemnitzer Theater hält sich rein äußerlich zurück. Nach der geografischen Lage im Schauspielhaus schlicht 'Ostflügel' genannt, soll hier Raum sein für junges Theater. Damit will das Schauspiel Chemnitz sein Profil als Spielwiese für Experimente und die Förderung neuer Dramatik weiter schärfen. Der 'Ostflügel' gibt bühnentechnisch mehr Möglichkeiten zum Experimentieren als die bisherige Kleine Bühne. Am Donnerstagabend eröffnete eine Uraufführung den 'Ostflügel': 'Illusionen' heißt das Auftragswerk des jungen russischen Autors Iwan Wyrpajew. Der ist in seiner Heimat so was wie ein Shootingstar und wird inzwischen auch in Deutschland gefeiert.

Die vier Schauspieler sitzen in der Chemnitzer Inszenierung von Regisseur Dieter Boyer auf Holzbänkchen mitten zwischen den Zuschauern – der neue, flexible Raum wird also gleich ausgekostet. In den folgenden anderthalb Stunden wird man sich so vorkommen, als säße man in einer Gruppe von Bekannten und bekäme eine schöne Geschichte erzählt. Denn auf den ersten Blick ist das Stück von Wyrpajew eine schöne Geschichte: Vier Sprecher berichten von zwei Männern und zwei Frauen, von zwei Paaren, die schon über 50 Jahre zusammenleben. Es geht um die wahre, die einzige Liebe, es geht vor allem aber um all die Illusionen, die sich um sie ranken. Zunächst sind die Schauspieler Erzähler, bis das Ganze sich immer mehr zum Spiel entwickelt. Sie beginnen, miteinander und mit dem Publikum zu interagieren, projizieren Filme auf die Videoleinwand, legen Platten auf und singen herzzerreißend. Die Bühne wird zum Versuchslabor der Liebe, in dem alle gemeinsam forschen – auch die Zuschauer.

Der intime Raum des 'Ostflügels' schafft eine extreme Dichte, der man sich nicht entziehen kann. Als alle vier den Popsong 'What is love' schmettern, liegen Kitsch und Schönheit direkt nebeneinander. So, wie in der Liebe Wahrheit und ihre Konstrukte nebeneinanderliegen. Das intensive Spiel von Susanne Stein, Laina Schwarz, Michael Pempelforth und Hartmut Neuber macht nachdenklich und auf eine stille Art und Weise froh. Ein einnehmender Abend, der nachwirkt."


Freie Presse, 1. Oktober 2011:
"Die Liebe als Erfüllung und Desaster zugleich
(…) Die Inszenierung von Dieter Boyer (Bühne und Kostüme von Ralph Zeger) unternimmt gar nicht erst den Versuch, vier Schauspieler in der Blüte ihres Lebens in über 80-Jährige im Jahr 2022 zu verwandeln. Sie dürfen nochmal jung sein, fünfzig Jahre zurückgehen vom Ende auf 'Anfang', die frühen 1970er-Jahre, und ihr Leben aufrollen. Das Inszenierungsteam setzt das Publikum mitten hinein ins Geschehen.
Es gibt keine Bühne, keine Zuschauerreihen. Die Besucher sitzen Auge in Auge auf rechtwinkeligen Sitzgelegenheiten, Riesenlampen erhellen den Raum. Tolle Bühnentechnik unterstützt das Ganze. Mit wackeligen Handkameras werden Sehnsüchte auf Leinwände projiziert, weiße Säulen bergen Geheimnisse. All dies ist schick verpackt, doch das Stück bleibt im Nebel allzu vieler Worte eine Behauptung von Liebe. Was nicht heißt, dass die Lust auf der Strecke bleibt, denn das Spiel Auge in Auge gelingt Susanne Stein und Laina Schwarz, Michael Pempelforth und Hartmut Neuber (neu im Ensemble) hervorragend."


Morgenpost, 01.10.2011:
„(…) das Wörtchen Liebe (…) beinahe in jedem Satz aus dem Munde von Susanne Stein, Laina Schwarz, Michael Pempelforth und Hartmut Neuber zu hören – da sitzt jeder Unterton wie der schmale goldene Ehering an jeder rechten Hand -, macht den Abend (…) zu einem vergnüglichen Theaterliebhaberliebeserlebnis. (…)“


Nachtkritik, 29. September 2010:

"Theoretische Sommernachtsträume

Wenn es so einfach wäre mit der 'wahren Liebe', hätte diese sanfte Komödie nicht geschrieben werden können. Man hätte von einem Irrtum sprechen können und der Fall wäre erledigt gewesen. Der russische Theatergründer, Regisseur und Dramatiker Iwan Wyrypajew, 1978 geboren und hierzulande mit seinen Dramen 'Sauerstoff' und 'Juli' kein Unbekannter mehr, hat es sich aber nicht so einfach gemacht. Sein Vier-Personen-Stück 'Illusionen' schreitet unbekümmert einen Kreis aus, in dem die Kategorien 'Wahrheit' und 'Liebe' schroff aufeinander treffen. Und nicht nur das: die Menschen, die Wyrypajew ins Rennen schickt, fragen auch noch treuherzig und hartnäckig nach der 'wahren Liebe'. Etwas anderes interessiert sie gar nicht mehr.

Zwei Paare jenseits der 80, beide seit Ewigkeiten verheiratet, zugleich untereinander befreundet, auch seit Ewigkeiten. Die Jahrzehnte sind verflogen, das Leben war schön und geht nun zu Ende. Zeit für Bekenntnisse und letzte Wahrheiten - auch unbequeme. (…) Große Gefühle also, 'Illusionen' eines verpassten oder vielleicht auch nur theoretischen Sommernachtstraums, gefasst und eingepasst in eine Zwei-Paare-Story. (…) Weitab von den Wohnzimmerschlachten Edward Albees oder Yasmina Rezas und auch viel leiser als in seinen bisherigen Stücken umkreist der Autor sein Thema mit sanften Schlingerbewegungen, leise ironisch, wortreich, leicht verdaulich, nicht sehr russisch, eher britisch.
Der wichtigste, im Grunde leitmotivische Satz hat einen philosophischen, sentimentalen und womöglich auch beziehungspraktischen Drall: 'Wahre Liebe beruht immer auf Gegenseitigkeit!', lautet er. Er wird beschworen und in Zweifel gezogen. Er ist der viel zitierte und negierte Glaubenssatz des Abends. (…)
Da der Text eher epischer Natur ist und sein struktureller Hauptreiz in der Spiegelung durch vier Erzählerfiguren liegt, die keine Gewissheiten aufkommen lassen und die Absolutheiten, zu denen der Mensch beim Thema Liebe neigt, verwackeln und in eine multiperspektivische Historiographie zweier Ehen verpacken, stehen Susanne Stein, Laina Schwarz, Michael Pempelforth, Hartmut Neuber vor einer großen darstellerischen Herausforderung. Sie machen ihre Sache gut. (…)"