Chemnitzer Morgenpost, 13.10.2008:
„Anfallartig schmeißt sich ein Alpha-Machtmännlein an die Wand, stürzt und stürzt zu Boden, guckt etwas hilflos – ehrliche Kritik verträgt es auch vom besten Berater nicht.
Tja, König Kreon hat wohl Mist gebaut, als er seine Nichte zum Tode verurteilte, meinte Sophokles 400 Jahre v. Chr. in seiner Inzest-Familiensaga ‚Antigone‘. Der Chemnitzer Schauspielchef Enrico Lübbe
pflichtet dem Griechen mit einer außergewöhnlich dichten (70 Minuten), hervorragend besetzten und fesselnden Inszenierung bei. (...)
Da ist von Göttern und Begräbnisritualen die Rede, aber es geht um Moral gegen Macht, Gewissen gegen Gesetz. Es wird Tote geben, klar, aber kein Blut. Null Ausstattung, minimale Gesten, man blickt durchweg gespannt in acht ausdrucksvolle Gesichter – Lübbe
baut voll auf seine Schauspieler, gibt Licht dazu, ein Abzeichen, eine Perlenkette. Zwischen nackten Wänden geht, guckt, greift man eisern aneinander vorbei, hat nichts Menschliches miteinander am Hut. ‚Mit der Hoffnung auf Gewinn kommen viele zu Fall‘ - recht hat er, dieser Kreon, als habe er die derzeitige Finanzkrise geahnt.
Lübbe
gibt dem Manne eine Chance, beim Gerangel zwischen Gewissen und Gesetz nicht ganz so blut- und machthungrig auszusehen, zeigt die Feiglinge, Denunzianten, Karrieristen dazwischen - ein Schauspiel-Abend bester Art und klarer Sprache mit Bernd-Michael Baier
(Kreon), Annett Sawallisch (Antigone), Michael Pempelforth, Tilo Krügel, Caroline Junghanns, Karl Sebastian Liebich, Elvira Grecki, Klaus Schleiff. Begeisterter Beifall. Und: Man kann in Chemnitz auf dem Heimweg wieder über Schauspiel reden.“
Freie Presse, 13.10.2008:
„Eingefasst in genietete Blechbahnen gleicht die Bühne im Chemnitzer Schauspielhaus
einem Verlies. Fluchtpunkte gibt es da wenige, die Isolation ist allgegenwärtig und zwingt die Menschen zu Standpunkten - in jeder Beziehung. Enrico Lübbe, der Regisseur, will die unterkühlte Zuspitzung, er schafft sie sich eindringlich, auch optisch. Präziser in der Konzentration auf die Tiefen der menschlichen Psyche und im Ausleben innerer Konflikte kann man ‚Antigone‘
kaum auf die Bühne bringen. (...)
Lübbe braucht keine Hilfsmittel für Atmosphäre, sie ergibt sich wie von selbst aus dem scheinbaren Nichts. Viele handelnde Personen bedarf es für die Wirkung nicht, die wenigen bewegen sich langsam und bedächtig, bleiben immer wieder mal stehen. Nur ein Mann ist der Chor, und nur ein Wächter stützt die Staatsmacht. Mit der Konsequenz: Die Deklamation des Textes kommt ausnahmslos intensiv persönlichen Offenbarungen gleich. Mitfühlen ist trotz der fernen Tragweite des Stoffes kein Problem. Möglich ist dies, weil die Schauspieler die von Lübbe
geforderte Intensität als darstellerische Herausforderung verstehen und kleinen Gesten ebenso wie unscheinbaren Bewegungen fast visionäre Bedeutungen verleihen. Bernd-Michael Baier
verkörpert Kreon, als würde die arrogante Selbstgefälligkeit des Herrschers einem Gefühl von Lust gleichkommen, dessen Ausleben das eigentliche Scheitern des Mannes einleitet.
Konsequent geradlinig und kompromisslos vertritt Antigone ihre Ideale, weil Annett Sawallisch
vor allem aus der stoischen Gelassenheit heraus die Kraft für expressive Momente schöpft, während Michael Pempelforth
als Chorist mit viel Gespür für die Wankelmütigkeit seiner Wesenheit besonders das Moment der Unsicherheit glaubwürdig verkörpert. (...)“