
Für die Chemnitzer Erstaufführung von „Yvonne, Prinzessin von Burgund“ arbeitet die slowenische Regisseurin Mateja Koležnik erstmals in Deutschland. Mit Dramaturg Torsten Buß spricht sie über Unterschiede in der Theaterarbeit beider Länder und über das Stück, das sie gerade in Chemnitz inszeniert.
Gibt es große Unterschiede im „Theaterbetrieb“ in Deutschland und Slowenien?
Es gibt keine großen Unterschiede. Auch bei uns basiert die Theatertätigkeit auf Repertoiretheatern, also Häusern, die ein festes Ensemble und das komplette begleitende Umfeld an Tätigkeiten haben (von Dramaturgen und Verwaltung bis zu Werkstätten für Bühnenbild und Kostüme). Das ganze Personal ist Teil der Staatsverwaltung und die einzigen Freiberufler, die ganz existentiell abhängig sind von guten Ergebnissen ihrer Arbeit, sind Regisseure wie ich mit unseren Kreativteams.
Genauso wie in Deutschland ist die Repertoirepolitik eine Sache der künstlerischen Leitung des Hauses und genauso muss diese mit klugem Köpfchen die Linie verfolgen zwischen dem Kernrepertoire, das aus Komödien und bekannten Titeln besteht, die viele Zuschauer sehen wollen, und dem, was man unter neuen Trends der Dramatik und der Aufführungspraxis versteht.
Mit slowenischem Blick – gibt es etwas Spezifisches am deutschen Theater? Oder gibt es bestimmte Meinungen in Slowenien über das Theater hier?
Meine persönliche Meinung (und dabei stimmt mir die Mehrheit meiner Kollegen zu) ist, dass Deutschland das beste Theater in Europa hat - ein gutes breites System an Theaterhäusern, und es wird nicht zugelassen, dass irgendwelche Krisen (oder Regierungen) die Notwendigkeit dieser Kunstbranche in Frage stellen. Und wegen der Größe des deutschsprachigen Raums findet man ein Publikum für eine sehr breite Palette der Theaterpraxis.
In der selben Zeit, als unser Kulturministerium ein Gesetz vorbereitet hat, nach dem die Theater keine Unterstützung mehr vom Staat bekommen und stattdessen ganz der Gnade des Marktes und der überheblichen Dummköpfe überlassen werden sollen, die hemmungslos noch unsere Kulturinstitute privatisieren und vernichten werden (unser Wirtschaftssektor wurde schon ausgeraubt, das Geld verschwand auf die Seychellen), hielt der deutsche Kulturminister im Bundestag eine Rede, in der er sagte, es sei jetzt keine Zeit, um der Kultur den Geldhahn zuzudrehen, sondern man müsse gerade jetzt mehr Geld dafür zur Verfügung stellen.
Kurz gesagt, die Überzeugung, dass Kultur ein Grundbedürfnis unserer Zivilisation ist (und kein Spielfeld für Nationalismus oder unnötiger Luxus für Snobs), ist etwas, dass ich an Eurem Land sehr respektiere.
Ein interessanter Blick von außen – aber auch hier gibt es regelmäßig wiederkehrende Spar- und Kürzungsdebatten, die nicht zuletzt die kleinen Theaterhäuser sehr in die Enge treiben... Gibt es in der Probenarbeit große Unterschiede zwischen beiden Ländern?
Der Arbeitsprozess ist ziemlich ähnlich. Auch bei uns dauert das Studium ungefähr zwei Monate, auch bei uns kommen die Schauspieler zur ersten Probe, ohne den Text auswendig zu kennen, und dann suchen wir zusammen den Weg zu einer guten Inszenierung. Auch bei uns haben wir die ersten technischen Proben, wo du endlich das Bühnenbild und die Kostüme siehst, ungefähr zwei Wochen vor der Premiere. Und auch bei uns hast du, um eine richtig fabelhafte Vorstellung zu machen, grundsätzlich immer eine Woche zu wenig Zeit.
Arbeiten die Schauspieler anders?
Es würde mir schwer fallen, offensichtliche Unterschiede zu nennen oder diese zu verallgemeinern. Aber nach zweimonatiger Arbeit habe ich das Gefühl, dass deutsche Schauspieler ihre Rolle mehr verstehen als fühlen müssen, bei uns auf dem Balkan ist das genau umgekehrt. Eure Schauspieler sind aber natürlich fleißiger und geben auch weniger Widerworte.
Was ist für Dich das Wesentliche am Stück „Yvonne, Prinzessin von Burgund“?
Zu zeigen, wie beschränkt wir Menschen sind. Wie sehr wir davon süchtig und abhängig sind, wie uns andere Menschen sehen. Und wie aggressiv und intolerant wir auf einen Blick reagieren, in dem wir uns nicht sicher fühlen.
Was ist die Schwierigkeit, dieses Stück zu inszenieren?
Das Genre festzulegen, in dem man das Stück als Regisseur für die Arbeit ansiedeln soll.
„Yvonne“ enthält eine Menge verschiedener Genres, die Gombrowicz hineingeschrieben hat – Momente des absurden Theaters, Existentialismus, Dada, Comedy...
.... vielleicht noch Psychodrama.
Gibt es für Dich ein alles entscheidendes Genre, das den Charakter des Stückes entscheidender prägt als die anderen?
Wenn ich das endlich wüsste bzw. mich über die Zeit der Proben da definitiv entscheiden könnte, würde ich viel ruhiger schlafen und auch die Schauspieler würden sagen, es war eine Freude, mit mir zu arbeiten. So wie es ist, werde ich Glück haben, wenn sie unsere Zusammenarbeit als „interessant“ beschreiben werden.... Aber im Ernst – ich denke, alle diese Genres prägen den Charakter des Stückes. Schwierig ist, den Weg des Mit- und Nacheinander zu finden – so, dass sich diese Genres und Atmosphären nicht gegenseitig erschlagen und im Weg stehen, sondern sich produktiv ergänzen.
Was ist für Dich das Faszinierendste an den Charakteren und am Plot?
Das hat auch mit der Vielfalt der Genres zu tun – und wie sich das in den Figuren wiederfindet. Wie sich der Stress, den die Figuren haben, und ihre Not steigert – und sich dadurch das Verhalten prägt und verändert. Am Anfang ist das vielleicht alles noch lustig – oder besser gesagt: lächerlich, dann wird es zunehmend absurder – und dann endet es gewissermaßen im Horror, in der Gewalt. Man kennt diese Dramaturgie ein bisschen vom Entstehen und Etablieren diverser Diktaturen....
Wenn Du zwei oder drei Worte hättest, Chemnitz zu beschreiben – welche wären das?
Verkleinerte Großstadt.
„Schmierpapier“ & „Schnapsidee“ sind in die slowenische Sprache eingegangen, habe ich während der Proben mitbekommen. Gibt es aus der Probenzeit ein deutsches Lieblingswort, das Du bislang noch nicht kanntest?
Schlabbrigkeit.
(Das Wort - in all seiner vielfachen Bedeutung - wählt im Stück der König gegenüber der Königin, um zu beschreiben, inwiefern Yvonne ihn an seine Frau erinnert....) TB