
Am 29. September eröffnet das Schauspielhaus Chemnitz seinen „Ostflügel“ als neue Spielstätte für aktuelle Gegenwartsdramatik. Dafür war die bisherige Probebühne während der Sommerpause mit hohem Einsatz umzubauen.
Schauspieldirektor Enrico Lübbe rief abends die für das Profil der Kleinen Bühne zuständige Dramaturgin Esther Holland-Merten an und teilte ihr die Entscheidung mit. „Aus seinem Ton hörte ich die Befürchtung, dass ich ein Problem darin sehen könnte“, erinnert sie sich, „aber ich sagte: ‚Wow, etwas Besseres kann uns nicht passieren.‘“ Denn mit einem von Grund auf neu gestalteten Raum ließ sich die klassische Trennung von Bühne und Zuschauerbereich aufheben, die manches experimentelle Stück nicht verträgt.
Inspiration durch alte Straßenbahnen
Zunächst aber ging es in mehreren Sitzungen darum, wie der Ostflügel sein Publikum empfängt: Wo können sie sich vor den Vorstellungen aufhalten, wo gibt es die Gelegenheit für Publikumsgespräche? Schon draußen vor der Rückseite des Schauspielhauses verlegten Raj Ullrich, Technischer Direktor der Theater Chemnitz, und sein Team Platten für einen rollstuhlgerecht abgeflachten neuen Zugang. Sie setzten neue Fenster ein, neben die bis zur Eröffnung am 29. September noch Schaukästen kommen. Im Gebäude wurde das Treppenhaus in den Farben des Corporate Design der Theater Chemnitz neu gestaltet: Auf hellgrauen Wänden setzen weinrote Flächen Akzente, die den weißen Schriftzug „Ostflügel“ umgeben.
Die Treppen führen zum Foyer. Zu eigenen Entwürfen für Sitzbänke und Lampen ließen sich Ullrichs Stellvertreter Jörg Lenk und der Künstlerische Produktionsassistent Norbert Richter von der Ausstattung alter Chemnitzer Straßenbahnen inspirieren. Holland-Merten gefällt das „Zitathafte, Angerissene, nicht Ausformulierte“ dieser Einrichtungsstücke, das dem Gegenwartstheater entspricht. Ein Tresen für den Karten- und Getränkeverkauf kommt bis zur Eröffnung noch hinzu.
Die Klimaanlage bestand den Test fast zu gut
Vom Eingangsbereich geht es in den Bühnenraum mit neuen Wänden ganz in Schwarz. Beim Eröffnungsstück, der Uraufführung „Illusionen“ von Iwan Wyrypajew, verteilen sich die Stühle für rund 60 Zuschauer auf der kompletten 110-Quadratmeter-Fläche; die Darsteller agieren zwischen dem Publikum. Zwei Tage später, am 1. Oktober, gibt es dann bei der Deutschen Erstaufführung „Im Wald ist man nicht verabredet“ von Anne Nather ein 50 Zentimeter tiefes Wasserbecken als Bühnenaufbau. Soviel Flexibilität erforderte nicht nur neue Wasser- und Abwasserleitungen, sondern vor allem eine Rundumverkabelung für Licht und Ton. Im ganzen Haus mussten Böden und Wände aufgerissen werden, um dicke Kabelbündel von den Bühnen im Vorderteil des Gebäudes herüberzuziehen. Danach ist der Ostflügel jetzt mit 120 Kilowatt versorgt. Oben und unten in den Wänden gibt es überall Andockstationen, um den Raum variabel ausleuchten zu können; auch von einer Galerie unter der Decke können die Techniker die Anlage steuern. Ganz neu eingebaut wurde eine Klimaanlage, die ihren Testlauf fast zu gut bestand – den Technikern wurde es bei 16 Grad schon zu kalt.
Dass ohnehin das gesamte Gebäude zur Baustelle wurde, dass durch den Zuzug des Figurentheaters auch die Raumbelegung umzuverteilen war, nutzen die Mitarbeiter der technischen Abteilungen zu einer Rundrenovierung mit neuen Böden und Wandanstrichen. Ullrich: „Das ist gut für das Arbeitsklima; wenn jetzt mehr Mitarbeiter dichter zusammenrücken, wird das umso wichtiger.“
Nur eine alte Wand blieb stehen
Finanzielle Hilfe kam vom Förderverein der Städtischen Theater, der die Tonanlage bezahlt hat. Dass die Kosten des Umbaus laut Ullrich voraussichtlich unter 90.000 Euro bleiben, ist besonders der Eigenleistung der Mitarbeiter der technischen Abteilungen zu verdanken. So strich Katja Byhan-Radewagen, Vorstand des Malsaals der Theater Chemnitz, persönlich die Sitzbänke im Ostflügel-Foyer. Die Haupturlaubszeit überbrückten Ullrich und Betriebsingenieur Moritz Vogel, der erst seit März bei den Theatern Chemnitz einstieg und in nächster Zeit ein richtungsweisendes Konzept für eine energiesparende Sanierung der Häuser umsetzen will, mit 15-Stunden-Tagen und Wochenendarbeit. Schließlich war ganz nebenher im neuen Figurentheater die Bühne tiefer zu legen, damit die kleinen Zuschauer eine gute Sicht haben, war im Schauspielhaus ein neuer Antrieb für die Drehbühne einzubauen – von den nötigen Arbeiten im Opernhaus ganz zu schweigen.
Dass im Ostflügel eine rissig gewordene Wand mit Jahrzehnte alter Schalldämmung stehen blieb, ist kein der Überbelastung geschuldetes Versäumnis. Holland-Merten: „Bei den beiden ersten Stücken testen wir, ob sich diese Wand stimmig in die Inszenierungen einbeziehen lässt.“ Wenn nicht, bekommt auch sie eine funkelnagelneue Nachfolgerin.
Henning Franke