Schauspieldirektor Enrico Lübbe

Interview mit Enrico Lübbe – SWR 2

 

Moderatorin:
Besser durch einen Skandal als gar nicht auffallen: Diesem Motto scheinen sich in den letzten Jahrzehnten viele Theaterregisseure verschrieben zu haben. Sie ließen ihre Schauspieler in Blut und Exkrementen suhlen, engagierten echte Prostituierte oder brachten leibhaftige Pferde auf die Bühne. Das löst inzwischen zwar keine echte Empörung mehr hervor, doch mehr Beachtung scheinen die vermeintlichen Bühnenskandale noch immer zu finden. Einer, der sich der Effekthascherei schon immer verweigert hat, ist Enrico Lübbe. Der Theaterregisseur verzichtet auf allen skandalösen Schnickschnack und hat dennoch, oder gerade deswegen, Erfolg. In unserer Reihe "Hoffnungsträger 2011" stellt Mareike Gries den Regisseur vor, dessen "Rose Bernd"-Inszenierung gerade im Staatsschauspiel München begeistert.


"Rose Bernd" von Gerhart Hauptmann am Bayerischen Staatsschauspiel - Es war die erste Arbeit von Enrico Lübbe an dem renommierten Münchener Theater. Die überregionalen Kritiker haben sich in ihrem Lob überschlagen, es fielen Superlative wie "großartig" und "atemberaubend". "Rose Bernd" sei die „kraftvollste Inszenierung“ an dem Haus der vergangenen Spielzeit gewesen, hieß es in der Süddeutschen Zeitung. Dabei ist Regisseur Lübbe ganz ohne plakative Effekte ausgekommen. Sein Geheimnis ist die Arbeit mit den Schauspielern und das Arbeiten an der Psychologie der Figuren.


Enrico Lübbe:
Ich bin eigentlich nicht so ein Regisseur, der sehr viel Wert auf Improvisieren oder Ausprobieren im Sinne von 'wir können alles so oder so oder so machen' legt. Ich arbeite sehr viel mit den Schauspielern auch am Tisch vor und wenn man das geklärt hat und viele Sachen von vornherein vereinbart sind, kann man in die Richtung auch probieren und deswegen ist glaube ich am Ende so einer Arbeit auch den Schauspielern sehr viel klar. Dann kann man auch sehr genau arbeiten.


Moderatorin:
Das genaue Arbeiten hat sich bezahlt gemacht: Bei Enrico Lübbe häufen sich die Anfragen und schon jetzt hat er Regieaufträge an großen Häusern bis in das Jahr 2014. Dem 35-Jährigen ist das fast ein bisschen unheimlich, schließlich ist er auch Schauspielchef am Theater Chemnitz und allein dort gibt es genug zu tun. Der Provinzstempel, der auf Chemnitz haftet, stört Enrico Lübbe dabei gar nicht, im Gegenteil.


Enrico Lübbe:
Weil ich hier mit den Leuten, die ich sehr schätze und die meine Arbeit schätzen in Ruhe und sehr genau und wirklich ohne diesen Stress, der immer da ist, wenn man an diesen renommierten Häusen arbeitet, inszenieren darf, mit ihnen mich weiterentwickeln kann - sie auch weiterentwickeln kann. Und in der Hinsicht finde ich diesen Spagat zwischen Festanstellung hier in Chemnitz und dann natürlich an den großen Bühnen arbeiten zu dürfen, spannend, weil ich das auch immer sehr erholsam finde, hier zu arbeiten.


Moderatorin:
Enrico Lübbe ist einer der jüngsten Oberspielleiter Deutschlands. Davor war er in Leipzig bereits einer der jüngsten Hausregisseure und das alles, obwohl er lange gar kein Regisseur werden wollte.
Zwar hat er als Kind schon in der DDR-Fernsehserie "Alfons Zitterbacke" die Titelfigur gespielt, aber den Kulturbetrieb wollte der gebürtige Schweriner eigentlich als Journalist erleben. Er studierte in Leipzig und kam eher durch Zufall zum Regiefach – das war vor mehr als zehn Jahren und Enrico Lübbe wird langsam vom Hoffnungsträger zum Heilsbringer.


Enrico Lübbe:
(lacht) Naja, ich bin bei so etwas immer sehr vorsichtig, weil ich mittlerweile auch diesen Theatermarkt ganz gut kenne und weiß, wie schnell da Entscheidungen hinsichtlich Hopp oder Flopp gefällt werden, also auch wie schnell Stars gemacht werden und wie schnell diese wieder vergessen sind. Deswegen freut mich dieser Erfolg in München natürlich schon, andererseits fragt man sich dann auch immer 'Warum passiert das jetzt?' Aber mit diesen ganzen Labels bin ich vorsichtig, weil ich auch weiß, wie schnell das wieder vorbei sein kann.


Moderatorin:
Enrico Lübbe bedient keines der üblichen Künstlerklischees, Arroganz und Zimperlichkeiten braucht er nicht. Er ist bescheiden und macht seine Arbeit mit Hingabe. Das Ergebnis sind Inszenierungen, die oft eine solche Poesie in sich tragen, dass man sie gleich mehrmals anschauen möchte. So war es schon bei einer seiner ersten Arbeiten, die "Glasmenagerie" am Schauspiel Leipzig im Jahr 2001. Da lief die zerbrechliche Hauptfigur Laura auf der Bühne Schlittschuh und dabei regneten hunderte leichte, gläserne Pferde auf sie nieder. Es sind Bilder wie diese, die Lübbes Arbeit auszeichnen. Wenn das Publikum danach euphorisch applaudiert, dann nicht, weil es sich selbst beglückwünscht, den Theaterabend bestanden zu haben, wie es bei anderen Regisseuren der Fall ist. Enrico Lübbe schenkt den Theaterbesuchern das, was sonst so oft nur noch dem Kino gelingt: eine gut erzählte Geschichte.