Das Schauspielhaus

Liebes Publikum,


ich begrüße Sie herzlich zu unserer Spielzeit 2016/17! Als eine der großen Chemnitzer Kultureinrichtungen mit überregionaler Ausstrahlung fühlen wir uns besonders dem Chemnitzer Publikum verpflichtet, den Fragen und Themen, die in dieser Stadt drängend sind. Wir möchten Sie auch in dieser Spielzeit mit interessanten Stücken überraschen, brennende Themen und Fragen zur Sprache bringen und mit Ihnen in den Dialog treten. Theater ist eines der letzten Refugien, in denen wir uns in einem entschleunigten Raum direkt begegnen können, sei es in dem wunderbaren Moment der gemeinsam erlebten Aufführung, bei Publikumsgesprächen und ergänzenden Sonderveranstaltungen oder bei unseren NACHTSCHICHTEN. Ich möchte Sie auf das Herzlichste einladen, das Schauspielhaus als einen sinnlich-berührenden, manchmal irritierenden aber immer Gemeinschaft stiftenden und aufwühlenden  Ort zu erleben, an dem man sich, dem Anderen und dem Neuen offen und neugierig begegnen kann. Gerade in der heutigen Zeit erscheinen mir solche Orte wichtiger denn je, denn wir sehen uns als Einzelne und als Gesellschaft mit ungeheuren humanitären Aufgaben konfrontiert. Lassen sie uns in einem künstlerisch-ästhetischen Erfahrungsraum zusammenrücken.


Man verspürt bisweilen eine menschliche wie politische Orientierungslosigkeit, weil Ordnungen zusammenbrechen und die Protokolle und Richtlinien für die Krisen, mit denen wir innen- wie außenpolitisch konfrontiert sind, noch nicht geschrieben sind. Das Vertrauen in die politische Parteienlandschaft erscheint bisweilen ausgehöhlt und ausgrenzende Stimmen werden lauter – auch weil die privaten Krisen existenzieller werden, in ökonomischer aber vor allem in humanistischer Hinsicht: Was ist der Mensch? Wo steht er zwischen Kapital, Märkten, Terror und privaten Ängsten? Haben wir in den letzten Jahrzehnten unser Dasein vor dem Hintergrund einer nationalen oder europäischen Marktwirtschaft betrachtet, müssen wir uns nun wieder intensiver mit archaischeren und grundsätzlicheren Fragestellungen über das „Mensch-Sein“ und unsere Definition von Gesellschaft auseinandersetzen. Wie begegnen wir unserem Gegenüber in einer aufgeheizten gesellschaftlichen Situation? Welche Art von Zusammenleben wollen wir gemeinsam?  Ich wünsche mir, dass wir auf diese Herausforderungen und Fragen nicht resignierend und hoffnungslos oder gar radikalisierend reagieren, sondern gemeinsam mit den Mitteln der (Theater-) Kunst Wege und Möglichkeiten einer humanitären Gesellschaft ausloten, denn eines ist ganz sicher: Nur im Spiegel anderen Lebens können wir uns selbst verstehen. Wir brauchen den Blick des Allerfremdesten. Und das bedeutet, Altbekanntes wie Klassiker neu zu entdecken, sei es Goethes „Faust I“, Kleists „Penthesilea“ oder Kafkas „Der Prozess“. Das heißt aber auch, bestehende Normen und Werte gegen den Strich zu bürsten wie wir es im „Struwwelpeter“ machen, oder die Freiheit zu haben, unseren christlich-abendländischen Wurzeln mit Humor und Witz auf den Zahn zu fühlen, wie es Patrick Barlow in „Der Messias“ mit sehr viel Liebe zum Detail angeht. Und wenn einem der Rechtsruck in Europa gerade befremdlich erscheint und Angst macht, dann ist Jürgen Hofmanns Komödie „Noch ist Polen nicht verloren“ vielleicht genau die richtige Antwort.

 
Ich freue mich auf eine inspirierende, kreative und spannende Spielzeit gemeinsam mit Ihnen!

 

Ihr Carsten Knödler, Schauspieldirektor



Zu Karl-Marx-Städter Zeiten gehörte das Schauspielhaus zu den profiliertesten und fortschrittlichsten Häusern der DDR. Schauspieler wie Ulrich Mühe, Corinna Harfouch und Michael Gwisdek begannen hier ihre Laufbahn. Bedeutende zeitgenössische Regisseure wie Frank Castorf, Hasko Weber, Michael Thalheimer und Armin Petras arbeiteten in Chemnitz. Seit der Spielzeit 2013/14 leitet Carsten Knödler das Schauspielhaus als Schauspieldirektor.