Die Dreigroschenoper

Freie Presse, 4.10.2011:
"Gut gespielt!
Die 'Dreigroschenoper' in Chemnitz: Vor allem ist das Theater, oben Spiel und unten Vergnügen, ganz recht. Und echt, Oper nämlich. Brechts Kraut erhält von Kurt Weills hinreißender Musik das Fett, den Geschmack. So ist also angerichtet, doch wie wird's serviert? Mit allen Raffinessen der Suppenküche. Es ist ein wahres Schlemmen, laut Brecht: Erst das Fressen, dann die Moral. Und wenn die Moral an die Reihe kommt, dann steht sie auf dem Kopf der Wirklichkeit. Unterwelt ist obenauf. Denn in der Chemnitzer Inszenierung geht Regisseur Philip Tiedemann geradlinig von Brecht aus und zu ihm hin.
Was bei Brecht als Ironie gedacht war, liegt bei Tiedemann blank - die Verhältnisse sind so. Nur wer im Wohlstand lebt, lebt angenehm und leistet sich Moral. Nämlich die Herren Peachum mit seinem Komplettangebot: Betteln nur mit einer Lizenz von ihm, und Mackeath mit seinem Trust von Räubern, Mördern und Erpressern. Reiche Leute, beide. Und auf der Chemnitzer Bühne sind beide keine Ausnahmefälle, sondern Typen. (...)
Durch die Bank alle spielen dabei gut, singen gut. (…) Urs Rechn als Peachum etwa heuchelt derart verborgen, dass der gerissene Gauner umso näher liegt. Dirk Lange als Mackeath ist ein sympathischer Gangsterboss, ihm fliegen die Frauen und die Scheine nur so zu. Sein Messer sieht man nicht. Höchst gefährlich. Die Frauenrollen - zwei sind Mackeaths Bräute Polly (Caroline Junghanns) und Lucy (Daniela Keckeis), Tochter Peachums die eine, das Kind des Polizeichefs die andere. Wie die sich in die Haare kriegen! Alle übrigen sind Huren, mit denen Frau Peachum (Ulrike Euen) gemeinsame Sache macht, um Mackeath - für Geld natürlich - zu verraten.
Das Muster der Parodie ist der Polizeichef Tiger Brown (Bernd-Michael Baier). Er steckt mit Macheath unter einer Decke, und der 'Kanonensong' verrät ihre gemeinsame Herkunft aus der Kolonialarmee. Das ist fast das einzige biografische Zeichen des Stücks. Und wenn Brown am Ende die Begnadigung des Kapitalverbrechers, der schon unterm Galgen steht, verkündet, dann hat die Parodie ihren Gipfelpunkt. Der Gangsterboss wird geadelt ...
Zusehen und Zuhören ist hier reines Vergnügen. Weills Musik-Zauber ist einer Kapelle von Straßenmusikern (so sehen sie aus) anvertraut, und die spielen wie Philharmoniker (das sind sie in Wahrheit). Die Songs, Moritaten, Balladen, fließen durch die Ohren, wo sie fast alle längst sowieso schon drin sind (der 'Haifisch', der 'Kanonensong', die 'Seeräuberjenny' und so weiter). Jazz, Salon, Tango, Rummelklang und reiner Kitsch (weihevolles Elend auf einem rollenden Harmonium). Die Bühne - eine geniale Idee: Nur Buchstaben in riesigen Lettern, sie formieren am Anfang den Titel - 'Die Dreigroschenoper'. Die ganze Spielfläche voll Buchstaben, doch sie stürzen um, werden durcheinander geschoben, sind Traualtar, Peachums Schreibsekretär, Gefängniszelle, Galgen, das C wird umgelegt zur Liebesschaukel."


Chemnitzer Morgenpost, 4. Oktober 2011:
"Wurm im Karpfenteich
Philip Tiedemann hat (…) sich die Bühne mit den 19 Buchstaben 'Die Dreigroschenoper' vollstellen lassen (Ausstattung Norbert Bellen) und das Brecht/Weill-Stück als außerordentlich bissige Gesellschaftssatire gezündet – offenbar sehr zur Freue des fast durchweg euphorischen Premeirenpublikums im Schauspielhaus. Die Buchstaben sind Schreibsekretär, Knast oder Galgen. (…) Schlaue Trickser, knalldoofe Ganoven, gierige Banker, korrupte Polizisten, scheinheilige Pastorn (…) bevölkern diese Buchstabensuppe, die geradezu ergötzlich-europäisch angerichtet ist. (...)
Hinter allen musizieren Robert Schumann-Philharmoniker, hinreißend geleitet von einer engagiert auf dem Drehstuhl mitschaukelnden Anja Bihlmaier."


Sächsische Zeitung, 06.10.2011:
„(…) Die Schauspieler spielen sich ein, schieben, tragen, rollen erst mal diese 19 großen Buchstaben von der Bühne: DIE DREIGROSCHENOPER kann beginnen. Und Regisseur Philip Tiedemann hat nicht nur ein eindrucksvolles Vorspiel entworfen. Der überlegte Umgang mit den plakativen Lettern geht weiter. Das O wird zum Mond über Soho, das C zur Schaukel, das H zur Hürde … Überhaupt folgt seine Inszenierung (…) einem intelligent-unterhaltsamen Konzept, das rundum aufgeht. So bekommen die provozierenden Brecht-Szenen einen ebenso verschmitzten Charme wie modernen Drive, während die bekannten Songs von Kurt Weill ordentlich schmettern. Da passt die Straßenmusiker-Attitüde der Robert-Schumann-Philharmoniker im Background einfach blendend zu den durchweg trefflichen Stimmen der Protagonisten. Da passt das funktionale Bühnenbild-ABC von Norbert Bellen einfach wunderbar zu den überraschenden Wendungen der Geschichte. Und da passt der trockene Humor der Truppe einfach großartig zum Milieu (…)."


Stadtstreicher, 11/2011:

"(…) nach reichlich Szenenapplaus dann tosender Beifall (…). Weil die zweieinhalb Stunden um Geld und Moral, um Werte und Wesenszüge unserer Gesellschaft voller Esprit und Ideen über die Bühne gingen. Dabei spielte die Inszenierung locker mit dem Brecht’schen Theaterkosmos, ist natürlich weitreichend episch und voller Verfremdungen – und grandios besetzt. Dirk Lange verschafft Macheath hinreißende Gelassenheit. Ulrike Euen treibt Frau Peachum herrlich naiv und gerissen in die Aufregung. Caroline Junghanns zeigt als Polly, was ein ausgekochtes Weib ist. Und Urs Rechn macht den Chef im Mitleidsgewerbe zum Wolf im Schafspelz. Mit solch einem Saisonauftakt auf der Großen Bühne hängt die Messlatte in Chemnitz gleich ordentlich hoch.“


Journal der Generationen, Herbst 2011:
„Es ist vor allem ein Spiel mit Buchstaben: Riesengroß steht ‚Die Dreigroschenoper‘ auf der Bühne des Schauspielhauses zu Beginn der Inszenierung von Philip Tiedemann – die einzelnen Buchstaben verwandeln sich später in Teile der Kulisse. Aus vier ‚E’s wird der Laden von Bettlerkönig Peachum, ein ‚O‘ bildet den Mond über Soho, ein ‚C‘ verwandelt sich zu einem schaukelnden Himmelbett. Auch im Spiel der Darsteller findet sich die Betonung einzelner Buchstaben: Macheaths Räuberbande singt zu dessen Hochzeit mit Polly Peachum ihr Ständchen nurmehr in Vokalen – zum unartikulierten Gebrüll wird es da. Der ‚rettende Bote‘ im Finale betont jedes ‚K‘. Wie muss man das verstehen? Ein Reflex auf dieses Überwerk von Brecht und Weill und seine Jahrzehnte währende Aufführungspraxis? Eigener Zugang zu einem Stück, wo Brechts Erben jegliche Veränderung kleinlich verbieten? Es ist wohl letzteres, was Regisseure und Spieler, die das Spiel um Räuber, Mörder, Liebe und Korruption inszenieren, weltweit immer wieder zu Höchstleistungen im Kleinen, zu Kreativität im Detail zwingt. Im Schauspielhaus Chemnitz zeigt man hier sehr beachtliche Stärken – mit vielen kleinen Ideen, die das Stück teilweise überironisieren, es am Ende aber doch zu einem sehr stimmigen Theaterabend fügen. Dazu darf sich das Ensemble von seiner besten Seite zeigen: Caroline Junghanns etwa, die die naiv-liebessüchtige Polly gibt, Dirk Lange als eiskalter, aber doch wieder der Damenwelt verfallender Mackie Messer, Bernd-Michael Baier als Polizeichef Tiger Brown zwischen Freundschaft und Angst um den eigenen Job. Sie spielen und singen, dass es eine wahre Freude ist (…). Insgesamt eine sehr lohnenswerte Inszenierung.“